Über den Taschachferner zur Ötztaler Wildspitze

In der Regel muss man einen mehr oder weniger hohen Aussichtspunkt erklimmen, um der Ötztaler Wildspitze ansichtig zu werden. Aus dem Talgrund kann man den Gipfel nur von einer einzigen, zwischen Vent und den Rofenhöfen gelegenen Stelle aus sehen. Der Gipfel ist mit 3.770 m der höchste Nordtirols und der zweithöchste in Österreich und gilt als einer der prominentesten Berge der gesamten Alpen. Mit Benutzung der Pitztaler Gletscherbahn kann die Wildspitze heute als Tagestour bestiegen werden. Bergsteiger bevorzugen aber nach wie vor den Aufstieg von Vent über die Breslauer Hütte. Seltener benutzt wird die Route über den Taschachferner, auf der eine außerordentlich lange Gletscherstrecke zu überwinden ist. Dieser Anstieg war der Höhepunkt unseres Hochtourenwochenendes im Juli 2017.

Beim Hüttenanstieg zum Taschachhaus, einem für die Bedürfnisse von Hochtouristen und für Gletscherausbildungen äußerst günstigen Stützpunkt, regnete es zeitweise, und die für den Nachmittag geplante Ausbildungseinheit musste gestrichen werden. Der zweite Tag war nach wie vor wolkenverhangen und kühl, aber immerhin trocken. Das reichte für eine Besteigung der gletscherfreien Hinteren Ölgrubenspitze (3.296 m), und im Bereich des Ölgrubenjochs fand die Gruppe sogar ein geeignetes Schneefeld, in dem einige Übungen mit Steigeisen und im Gehen in Seilschaften durchgeführt werden konnten.

Am Sonntag erwartete uns nach anfänglicher Restbewölkung ein traumhafter Tag. Der Aufbruch erfolgte mit dem ersten Morgenlicht. Trotz brechend voller Hütte war nur noch eine einzige Gruppe von hier zur Wildspitze unterwegs. Eine dreiviertel Stunde dauerte es bis zum nur wenig über dem Höhenniveau der Hütte gelegenen Beginn des Taschachgletschers. Der wenig steile, hier noch schneefreie Eisstrom ließ sich mit Steigeisen gut begehen. In knapp 3.000 m Höhe folgte eine Zone mit einem Gewirr von Spalten, die teilweise noch von Schnee bedeckt waren. Diese wurde mit äußerster Vorsicht in drei Vierer- bis Fünfer-Seilschaften überwunden. Oberhalb gab es zwischen massigen Eisabbrüchen zur Linken und wilden Spaltenzonen zur Rechten breite, spaltenarme Firnfelder, wegen der wenige Tage zurückliegenden Schneefälle noch blütenweiß und mit nur ganz vereinzelten Spuren versehen. Die Schneeauflage auf dem noch gefrorenen Untergrund war nicht hoch und erlaubte ein zügiges Vorwärtskommen.

Die Route macht einen weiten Bogen bis unter den Hinteren Brochkogel, dessen Nordgrat und Nordwand, einst begehrte, nicht allzu schwierige Eistouren, heute weitgehend abgeschmolzen sind, und vereinigt sich dann mit dem dann unter dem Mitterkarjoch mit dem Normalweg von der Venter Seite. Auf den letzten Firnhängen und den schotterigen Steigspuren zum höchsten Punkt kamen uns zahlreiche absteigende Bergsteiger entgegen, die die kürzere Route über die Breslauer Hütte gewählt hatten, und als wir am kreuzgeschmückten Gipfel ankamen, hatten wir ihn fast für uns alleine. Das grandiose Panorama war der Lohn für die Mühen des sechsstündigen Aufstiegs, und die Brotzeit redlich verdient.

Beim Rückweg war die Unterlage wegen der Sonneneinstrahlung zumindest stellenweise deutlich weicher, aber als die teilverschneiten Spalten im Übergangsbereich zum aperen Gletscherteil passiert waren, warteten keine Probleme mehr auf uns, nur noch ein langer Abstieg bis ins Tal, der durch die Einkehr im Taschachhaus in zwei erträgliche Etappen aufgeteilt wurde.

Text: Lorenz Mayer

Fotos: Stefan Wegscheider, Lorenz Mayer