Pelvoux-Runde und Écrins

Hochtouren in den Dauphiné-Alpen

Man kann die Pelvoux-Gruppe in den französischen Hochalpen, überdurchschnitliche Kondition vorausgesetzt, in zwei Tage umrunden. Damit würde die Tour jedoch zu einem rein sportlichen Ereignis degradiert, schreiben Walter und Michael Pause in ihrem (heute vergriffenen) Auswahlband „Alpine Übergänge und Höhensteige“. Sie halten drei Tage ohne Gipfelbesteigungen für sinnvoll, „einen vierten oder gar fünften Tag wird (jedoch) niemand bereuen …“

Auf unserer Hochtourenwoche nahmen wir uns diese fünf Tage Zeit, genossen bei bestem Wetter einmalige Aussichten auf bizarre Landschaften mit kühn aufschießenden Bergspitzen und wilden Eisströmen, stiegen auf mehrere formschöne Hochgipfel, und keiner wäre auf die Idee gekommen, die Runde geraffter abzuwickeln. Im Anschluss an diese Rundtour erklommen wir den Écrins, den südlichsten Viertausender der Alpen, auf einer rassigen Gletscherroute.

Mit einer Gewaltetappe ging es los. Von der mit unserem vollbesetzten neunsitzigen Vereinsbus erreichbaren Madame-Carle-Hütte am Ende des tief in die Gebirgsgruppe hineinragenden Ailefroidetals, etwa 30 Kilometer von Briancon, ging es durch die langgezogenen Becken des weit hinauf geröllbedeckten Glacier Noir („schwarzer Gletscher“), zuletzt durch eine schuttreiche, etwas versteckte Rampe auf den Col de la Temple. Dort zweigt die mit einigen mäßig schweren Kletterpassagen und Schneefeldern gespickte, nur mit Steinmännchen markierte Route zum Pic Coolidge ab. Auf dem 3775 m hohen Gipfel hatten wir fast 2000 Höhenmeter mit schweren Fünftagesrucksäcken hinter uns. Die Aussicht auf den Barre des Ecrins war durch die mittlerweile aufgezogene westalpentypische Bewölkung verdeckt, der Blick auf die gegenüberliegenden wilden Fastviertausender Mont Pelvoux, Pic Sans Nom und Ailefroide entschädigte dafür reichlich. Der Abstieg zur Temple-Ecrins-Hütte zog sich noch ziemlich in die Länge.

Nach diesem heftigen Auftakt folgte ein kurzes Tagespensum hinab zum Vénéon-Bach und hinauf zur Pilattehütte. Die Lage derselben gehört sicher zu den schönsten der Alpen. Man kann sich dort kaum satt sehen am Gletscher- und Gipfelpanorama, und dazu blieb an diesem Tag die Nachmittagsbewölkung aus. Es war eine richtige Entscheidung, hier zwei Nächte einzuplanen, und am folgenden Tag die zwei relativ leichten Gipfel des Mont Gioberney (3352 m) und Pointe Richardson (3312 m) zu ersteigen. Ein steiles Firnfeld auf dem Gioberney-Gletscher bot die Gelegenheit zur Übung der Spaltenbergung.

Anspruchsvoller war Tags darauf, vor dem Übergang zur Sélé-Hütte, der Abstecher auf den 3516 m hohen Pointe des Boeufs Rouges. Vor dem felsigen Gipfelgrat wartete ein rund 200 m hoher beinhart gefrorener steiler Firnhang. Für den Abstieg wurden dort zur Sicherheit Fixseile gelegt. Der Col du Sélé, über den der Übergang zur gleichnamigen Hütte führt, erforderte einen knapp einstündigen Gegenanstieg. Der dahinter liegende überwiegend flache und noch durchgehend firnbedeckte Gletscher ermöglichte einen recht komfortablen Abstieg zur Sélé-Hütte.

In Ailefroide, wo (gefühlt) jeder Zweite mit angelegter Kletterausrüstung herumläuft, endete tags darauf die eindrückliche Rundtour. Nun wäre eigentlich ein Tag im Tal fällig gewesen, weil der vorsorglich eingeplante Reservetag für den Fall witterungsbedingter Verzögerungen nicht gebraucht wurde. Da das phantastische Wetter auch für die nächsten Tage anhalten sollte, war rasch der Entschluss gefasst, noch am selben Nachmittag zur Glacier-Blanc-Hütte aufzusteigen.

Von dieser Hütte ist der Aufstieg zum Écrins um rund eineinhalb Stunden länger als von der höher gelegenen Écrins-Hütte. Entsprechend früh mussten wir aus den Federn. Um drei Uhr früh saßen wir am Frühstückstisch, die Rucksäcke bereits fertig gepackt. Mit Stirnlampen brachen wir auf, zuerst auf den nicht immer gut ausgeprägten Steigspuren zum „Weißen Gletscher“. Das matte Leuchten der Firne und eine deutlich erkennbare Trasse halfen dort die Route durch mehrere Spaltenzonen zu finden. Der Eisstrom wurde flacher, und etwa eine Stunde voraus bewegte sich die Lichterprozession der Ècrins-Aspiranten, die von der Écrinshütte aufgebrochen waren, auf die beeindruckende neun Hundert Meter hohe Gletscher-Steilflanke des Berges zu. Als es hell geworden war, und die ersten Sonnenstrahlen den Berg in blassrotes Licht tauchten, war es Zeit für eine Pause zum Trinken, Schauen, Fotografieren…

Der Anstieg über den Firn war leichter als es der Anblick vermuten lässt. Eine solide Steigeisentechnik und sorgfältiges Gehen am Seil sind jedoch unabdingbar. An der Steilstufe vor der Brèche Lory, der Einschartung zwischen Barre des Ècrins und Dome de Neige, trat erstmals blankes Eis zum Vorschein. Beim Abstieg musste dort einzeln gesichert werden. Es war eine erhebende, unvergessliche Gipfelstunde auf dem Dome de Neige in 4015 m Höhe: Sonne pur, windstill, großartige Aussicht. Der Blick ging von den in den Vortagen umrundeten Pelvoux-Gipfeln im Süden bis zur berühmten Meije mit dem markanten Firnfeld am Fuße der Gipfelpyramide im Norden. Auch der weiter entfernte Montblanc ließ sich gut ausmachen.

Die ins Auge gefasste Begehung des vereisten und nicht kurzen Grats zum Hauptgipfel der Barre des Ècrins wäre sicherungstechnisch für die große Gruppe zu aufwändig gewesen, so dass darauf verzichtet wurde. Dafür unternahmen vier von uns noch einen 500-Höhenmeter-Abstecher zur Roche Faurio (3730 m). Nach einer letzten Übernachtung auf der Ècrins-Hütte stiegen wir wieder zum Ausgangspunkt beim Gasthaus der Madame Carle ab. Ein denkwürdiges Hochtourenabenteuer war zu Ende.

Text und Fotos: Lorenz Mayer