Auf zur Weißkugel

Vier Tage unterwegs in den Ötztaler Alpen

3.739 m Meter ragt die Weißkugel in den Tiroler Himmel, und ist damit – nach Großglockner und Ötztaler Wildspitze – die dritthöchste Erhebung Österreichs. Der allseits vergletscherte Grenzgipfel zu Südtirol lässt sich von einer ganzen Reihe von Hütten besteigen. Der Anstieg vom österreichischen Hochjochhospiz über den Hintereisferner ist als endlos scheinender Gletscherhatscher berüchtigt und wird überwiegend im Frühjahr mit Tourenskiern begangen. Die Routen von der Weißkugelhütte und vom Brandenburger Haus erfordern zum Schluss jeweils eine nicht ganz einfache Kletterei über den Ost- oder Nordgrat. Aus diesem Grunde wird die Weißkugel heute im Sommer zumeist von der Südtiroler Seite mit der Schönen-Aussicht-Hütte oder der Oberetteshütte als Stützpunkt angegangen.

Diese beiden Hütten ermöglichen auch eine reizvolle Überschreitung, die wir uns zum Ziel gesetzt haben. Von Kurzras, der letzten Ansiedlung im Südtiroler Schnalstal, stiegen wir auf einem gut ausgebauten Steig zur Schutzhütte „Schöne Aussicht“ auf. Die Idylle wird leider etwas getrübt durch zahlreiche Einrichtungen und Geländeeingriffe des Schnalstaler Gletscherskigebiets.  Nachmittags bestiegen wir bei aufziehender Bewölkung und entsprechend eingeschränkter Sicht den gletscherfreien, 3270 m hohen Gipfel „Im Hinteren Eis“.

Wegen der ungünstigen Wetteraussichten für die beiden Folgetage änderten wir das Tourenprogramm. Wir bliesen die geplante Überschreitung ab und verschoben die Gipfelbesteigung um zwei Tage, und diese Entscheidung sollte sich als goldrichtig erweisen. Wir stiegen deshalb gleich nach dem Frühstück wieder nach Kurzras ab und fuhren mit den Autos vinschgauaufwärts ins Matscher Tal zum Glieshof. Auf dem gewöhnlichen Hüttenweg hinauf zur Oberetteshütte wurden wir von mehreren Regenschauern heimgesucht. Die gemütliche Hütte hat der Südtiroler Alpenverein vor 30 Jahren an Stelle der früheren Höllerhütte der AV-Sektion Prag errichtet.

Am nächsten Morgen war es bis ins Umfeld der Hütte herab weiß. Bei diesen Verhältnissen war an die Weißkugelbesteigung nicht zu denken. Als alternatives Gipfelziel bot sich die Südliche Schwemserspitze (3.296 m) an. Auf dem infolge der Schneebedeckung stellenweise schlecht erkennbaren Steig, dann weglos über einen dem stürmischer Wind ausgesetzten Kamm, konnten wir den Gipfel erklimmen. Der nachlassende Wind ermöglichte den Abstieg über den Südostgrat und das Bildstöckljoch, und bei der Rückkehr zur Hütte war es dort wärmer geworden und der morgendliche Neuschnee verschwunden.

Am Sonntag, dem letzten Tag, war das Wetter wie prophezeit tatsächlich besser geworden, und der Gipfeltour auf die Weißkugel stand nichts mehr im Wege. Kurz nach fünf Uhr früh ging es schon los. Nach einer Stunde war der Matscher Ferner erreicht. Der Gletscher war neuschneebedeckt und vom schneereichen Winter her noch so gut verschneit, dass keine Spur zu sehen und kaum eine Spalte zu erahnen war. Wir bildeten drei Viererseilschaften. 10 bis 20 cm war der Schnee tief, in den windgeschützten Hängen vor dem Hintereisjoch reichte er sogar bis zu den Knien. Die Spurarbeit teilten wir uns mit einer AV-Gruppe aus Straubing. Am Hintereisjoch hatte die Spurerei ein Ende, denn von der Schönen Aussicht waren bereits mehrere Seilschaften heraufgekommen. Das Matscher Wandl, ein gut 100 m hoher, bei Blankeis nicht ungefährlicher steiler Firnaufschwung, konnten wir  bei den vorhandenen Schneebedingungen ohne Probleme überwinden. Auch der finale teils schneebedeckte Felsgrat zum Gipfelkreuz erwies sich als leichter, als es der erste abweisende Eindruck vermuten ließ.

Die Sicht am höchsten Punkt war nicht ganz ungetrübt, im Gegensatz zur Freude über das Erreichen des hohen Ziels nach einem abwechslungsreichen Aufstieg. Wir genossen die Rast und ließen uns dabei ein wenig Zeit, ungeachtet des bevorstehenden langen Abstiegs zur Oberetteshütte und weiter zum Glieshof.

Text und Bilder: Lorenz Mayer