Auf Dom und Matterhorn

Zwei klassische Viertausender in den Walliser Alpen bestiegen wir auf der Hochtourenwoche im August 2009.

Unser erster Gipfelsturm gilt dem Dom, dem mit 4.545 m höchsten ganz auf Schweizer Boden stehenden Berg. Die ein wenig höheren Spitzen im Monterosakamm muss die Schweiz mit Italien teilen. Nach der Anfahrt steigen wir nachmittags von Randa auf die Domhütte. In diesem eigenwillig konstruierten Haus haben wir genügend Platz – insgesamt bleiben nur sieben Gäste über Nacht! Ein untrügliches Zeichen für ein alles andere als vielversprechendes Gipfelwetter am nächsten Tag. Und so ist es zur üblichen Weckzeit auch. Wir schlafen uns also aus. Während des Frühstücks kommt dann doch die Sonne durch, und so brechen wir um dreiviertel neun auf. Wir kommen hinauf bis über das Festijoch, auf 3.800 m etwa, ehe es wieder zuzieht und wir uns zur Hütte zurückziehen. Kein Gipfel, aber nicht schlecht für die Akklimatisation. Heute kommen die Bergsteiger in Scharen herauf, das Abendessen gibt’s in zwei Schichten, und im Schlaflager müssen wir zusammenrücken.

Von der wenig erquicklichen Nacht werden wir gnädigerweise schon um zwanzig vor drei erlöst. Wir versuchen uns von der allgemeinen Hektik nicht anstecken zu lassen, verzehren in Ruhe unser Frühstück, und reihen uns dann in die Lichterprozession ein. Den Festigletscher kennen wir schon vom Vortag, auch die felsige Flanke hinauf zum Festijoch. Hier wird es Tag. Jetzt geht’s auf alpinem Neuland wieder festi weiter, denn so heißt auch der vom Joch zum Domgipfel hinaufziehende Grat. Dort erwarten uns längere gut gestufte, das heißt kletterfreundlich gebaute Felspassagen und im Firn eine von den früh aufgestandenen und als erste oben sein wollenden Seilschaften frisch vorgespurte Trasse. Zauberhaft sind die Ausblicke: Das Weisshorn und das neuschneebezuckerte und deshalb auch ganz schön weiße Matterhorn erstrahlen im zarten Morgenlicht, während auf der anderen Seite die schwarze Silhouette des Nadelgrates unseren Gang sekundiert. Es ist wie ein vorwegserviertes Gipfelpanorama – denn auf den letzten Metern hüllt uns plötzlich Nebel ein und verstellt uns das Panorama. Das kann unserer Freude aber keinen Abbruch tun. Der Platz am Gipfel ist eng, und ein schmales verwechtetes Grätchen führt leicht abwärts zu dem einige Meter entfernten kleinen Kreuz.

Auch wir lassen dem kurzen Grätchen seine Jungfräulichkeit und verweilen ein wenig am höchsten Punkt. Überraschend schnell beruhigt sich der Atem, denn die schon merklich dünnere Luft und der knietiefe Schnee haben uns die letzte halbe Stunde doch ganz schön zugesetzt. Ein Schluck aus der Thermosflasche, ein paar Fotos, und wir machen den Platz frei für die neu ankommenden Seilschaften. Am Normalweg stapfen wir über die anfangs ziemlich verschneite Flanke hinunter, umgehen in einem großzügigen Bogen die Eisbrüche, und kurz vor dem Festijoch treffen wir wieder auf bekanntes Terrain. Wir leisten uns den Luxus, unsere Knie zu schonen und noch eine Nacht in der Domhütte zu verbringen, und steigen erst am folgenden Vormittag nach Randa ab.

Die Wetteraussichten für die folgenden Tage sind großartig. Wir packen unsere Rucksäcke um, und fahren nach Zermatt und mit der Luftseilbahn hinauf zum Schwarzsee. Gewaltig erhebt sich vor uns das Horn, mit einer eindrucksvollen mächtigen Wolkenfahne auf der Furggenseite. Zwei Tage pralle Sonne haben den Neuschnee weitgehend weggetaut. Absteigende Bergsteiger bestätigen uns beste Verhältnisse am Hörnligrat. Nach zwei Stunden stehen wir vor der Hütte, die sich jetzt Berghaus Matterhorn nennt. Zahlreiche Tagestouristen, Matterhornaspiranten und wohl auch einige bereits zurückgekehrte Gipfelbesteiger bevölkern das Umfeld, etwas unterhalb steht eine Zeltstadt mit weiteren Gipfelanwärtern, und an den für die Führer reservierten Tischen sitzen deren vierzig oder fünfzig. Bei 783 Euro steht der aktuelle Tarif, und auch wenn ein Führer davon leben kann, leicht verdient ist dieses Geld nicht.

Wir packen unsere Helme und erkunden die erste Stunde des Aufstiegs, und dieser Erkundungsgang wird uns nicht nur Morgen im Dunklen die Orientierung erleichtern, sondern löst auch ein wenig die Spannung, die sich beim Anmarsch aufgestaut hat. Denn „von vorn“ sieht der Hörnligrat doch erheblich steiler aus, als er tatsächlich ist. In der Nacht machen wir kaum ein Auge zu, aber denen, die sich einen Bergführer genommen haben, wird’s noch schlechter ergangen sein. „Morgen um Viertel nach Vier stehst du vor der Hütte, gefrühstückt, mit angelegtem Gurt und Helm und Stirnlampe!“ hörten wir nach dem Abendessen einen Führer zu seinem Kunden sagen. Wie sollte der Arme da schlafen können, wenn um vier Uhr erst geweckt wird? Dass aber ein Bergführerkunde nur einen halben Liter zum Trinken mitnehmen darf, um seine Kräfte fürs Klettern zu bewahren, wie in einem in der Hütte ausgehängten Zeitungsartikel zu lesen steht, können wir aus eigener Erfahrung nicht bestätigen.

Eine halbe Stunde nach den Bergführern brechen wir auf. Am Einstieg gibt es gleich einen größeren Stau, aber diese meist osteuropäisch sprechenden Gruppen halten sich bei der folgenden Querung in der Ostseite zu hoch, und bis diese wieder auf die richtige Route herabkommen, sind wir schon vorbei. Die Erkundung hat sich schneller ausgezahlt, als wir glaubten. Zwischen den Führerpartien und den nachfolgenden langsameren Gruppen kommen wir jetzt recht zügig voran, finden gut durch die lange Schrofenzone, der es an markanten Orientierungspunkten mangelt, passieren die kleine Solvayhütte, die nur in Notfällen benutzt werden darf, und klettern weiter zur Schulter.

Da lernen wir nun die ganze Hektik des Matterhorn-Alltags kennen, über den schon vieles geschrieben und erzählt worden ist. Die ersten Führerpartien kommen uns im Abstieg entgegen, lassen ihre Kunden mit Steigeisen an den Füßen einfach ab, im Vertrauen darauf, dass die Klügeren – wir und ein paar andere aufsteigende Gruppen – schon nachgeben. Und das tun wir natürlich, einen nach dem anderen lassen wir vorbei, und kommen nur noch langsam und schubweise voran. Irgendwann aber sind fast alle unter uns, und als wir auf den Gipfelgrat hinaustreten, erwartet uns dort geradezu eine Idylle, nur eine einzige Gruppe sitzt am Italienerkreuz. Auch wir gehen hinüber, weil dort, im Gegensatz zum Schweizergipfel, ein paar Felsen zum Sitzen einladen. Ein Traum ist wahr geworden. Wir versuchen, das Glück dieser einzigartigen halben Stunde in uns aufzusaugen. Ein unendliches Gipfelmeer umgibt uns, wir erkennen Montblanc und Gran Paradiso, aber dann lassen wir das Gipfelbestimmen sein, und genießen einfach den Augenblick.

Endlich brechen wir auf. Ein langer Abstieg liegt noch vor uns ...

Lorenz Mayer