Hochtourenwoche im Engadin
Piz Lischana – Piz Linart – Piz Morteratsch
Im Engadin reden noch viele Leute rätoromanisch. Und die so reden, heißen ihre Gipfel nicht Spitz oder Horn, sondern „Piz“. Auf unserer diesjährigen Hochtourenwoche im Engadin haben wir also in der Sprache der Eingeborenen drei markante „Pizze“ gesammelt. Zum „Eingehen“ wanderten wir, insgesamt elf Teilnehmer, von Scuol aus zur Lischanahütte und am Nachmittag weiter auf den 3.105 m hohen Piz Lischana, einen viel besuchten Wander-Dreitausender in der Sesvenna-Gruppe. Die kleine, aber sehr beliebte und besonders an Wochenenden stets ausgebuchte Lischana-Hütte wird heuer erweitert. Am Montag Morgen wurden wir vom Hubschrauberlärm geweckt, der die Bauarbeiter heraufflog. Nach dem Frühstück setzten wir unsere Runde fort über die Hochfläche von Rims mit ihren zahlreichen Bergseen. Das Panorama war besonderes nach Süden beeindruckend, wo „König Ortler“ seine Stirn hoch in die Lüfte reckte. Den landschaftlichen Höhepunkt des Abstiegs bildete aber die eindrucksvolle Uina-Schlucht, in deren fast senkrechte Begrenzungswand ein kühner halbtunnelförmiger Weg gesprengt ist.
Mit dem Auto fuhren wir etwa 20 km innaufwärts nach Lavin. Am späten Nachmittag stiegen wir zur gemütlichen Linardhütte hinauf, die von Mitgliedern der hüttenbesitzenden SAC-Sektion Unterengadin im Wochenschichtbetrieb ehrenamtlich bewirtschaftet wird. Am nächsten Morgen erklommen wir auf den Spuren des legendären Alpenerschließers Johann Jakob Weilenmann über die Südflanke den Piz Linard, eine 3.410 m hohe, eindrucksvolle Felspyramide und zugleich höchster Gipfel der Silvrettagruppe, die im Allgemeinen mehr für ihre Firntouren bekannt ist. Die Kletterei war nicht all zu schwierig, erforderte aber wegen der Brüchigkeit des Gesteins besondere Vorsicht und Konzentration. Bei herrlichem warmem Wetter und ohne jeden Zeitdruck werden wir an die zwei Stunden am Gipfel gesessen haben. Am Nachmittag dieses heißen Tages, nachdem die meisten von uns noch die halbstündige Fleißaufgabe auf den aussichtsreichen Piz Glims erledigt hatten, luden die zweieinhalbtausend Meter hoch gelegenen Fluten der Glimser Seen (Lai da Glims) zum kühlen Bade.
Die dritte Tour führte uns in die Berninagruppe. Da wir bald dran waren, machten wir zuerst einen ausgiebigen Abstecher zum Berninapass. Auf den Grasmatten neben einem Pass-See, in dem sich das malerische vergletscherte Panorama spiegelte, hielten wir eine längere „Siesta“. Dann fuhren wir wieder hinunter und stellten die Autos an der Station Morteratsch ab, wo wir einige Zeit brauchten, um das Parkgebührensystem zu durchschauen. Hier und auf dem ganzen Hüttenweg taleinwärts zur Bovalhütte bot sich ein überwältigender Blick auf die berühmten Gletscherberge Piz Palü, Bellavista und Piz Bernina. Als Gipfelziel hatten wir uns den Piz Morteratsch auserkoren, die 3.751 m hohe, der kühnen Firnschneide des auf den Piz Bernina führenden Biancogrates unmittelbar vorgelagerte Aussichtskanzel. Der Aufstieg auf den Morteratsch ist eine kombinierte und abwechslungsreiche, wegen der Nachbarschaft noch größerer Berge jedoch manchmal unterschätzte Hochtour.
Frühmorgens, beim ersten Tageslicht, stiegen wir zuerst auf einem guten Steig, dann über unangenehmen Schotter und Blockwerk, schließlich über überraschend kompakte und gut kletterbare Felspassagen zur Bovalscharte hinauf. Hier betraten wir den Gletscher. Der war meist noch mit einer mehr oder weniger starken Firnauflage bedeckt, lediglich zu Beginn und an einer steilen Stufe kurz unter dem Gipfel trat Blankeis zu Tage. An letztgenannter Stelle musste mit Eisschrauben gesichert werden, und mehrere auf- und absteigende Seilschaften bildeten rasch einen größeren Stau mit entsprechenden Wartezeiten. Schließlich aber wurde der Weg frei und bald standen wir auf dem Gipfel. Die Gipfelrast und -schau mussten wir ziemlich kurz halten. Zwar waren noch alle Berge der näheren Umgebung sowie weit nach Osten und Süden frei, aber nach fünf Tagen strahlenden Sonnenscheins näherten sich nun von Nordwesten her schwarzdüster drohende Wolken. Der Verzicht auf eine ausgiebige Gipfelrast sollte sich als richtig erweisen. Denn etwa eine Stunde später, als wir gerade den Gletscher verlassen hatten, setzte ein heftiger Gewitterschauer mit Graupeln ein, der den weiteren Abstieg zur Tschierva-Hütte zu einer überaus feuchten Angelegenheit machte.
Die Hütte hatte man mit einem viereckigen Betonklotz mit Flachdach erweitert. Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Nicht aber über Zweckmäßigkeit. Denn bei der Planung hatte man offensichtlich vergessen, dass hin und wieder völlig durchnässte Bergsteiger kommen könnten, die dringend einen Trockenraum bräuchten. Man verwies uns zum Aufhängen unserer Sachen in den Winterraum, doch fand sich an den Wänden kein einziger Haken oder ähnliches, wo wir Schnüre hätten befestigen können. Glücklicherweise kam am späten Nachmittag wieder die Sonne durch, so dass wir unsere Ausrüstung notdürftig im Freien trocknen konnten. Gleichzeitig öffnete sich auch wieder der Blick auf den wilden Bruch des Tschiervagletschers und den imposanten Piz Roseg. - Mit dem Talabstieg nach Pontresina ließen wir anderntags die Tourenwoche ausklingen.












