Bergtour auf das Grießner Hochbrett

Das Wissen über die Leoganger Steinberge beschränkt sich bei uns vielfach auf die Kenntnis des Birnhorns als deren höchstem Gipfel, und einige Spezialisten kennen auch noch das Ebersbergkar und neuerdings den Leoganger Klettersteig. Sonst ist dieser wilde Gebirgszug für viele ein weißer Fleck auf der alpinen Landkarte. Ganz besonders gilt das für den westlichen Teil, der von der Saalachtal-Bundesstraße aus nicht zu sehen ist. Dabei haben diese Berge alles zu bieten, was der Herz eines Bergsteigers höher schlagen lässt: eine große Aussicht, bizarre Formen, weitgehende Unberührtheit und … Bergeinsamkeit. Außer einer Handvoll Einheimischer haben wir dort am 1. August, einem herrlichen Tag, niemanden getroffen.

Am frühen Morgen starteten wir in Grießen nahe des Biathlon-Dorados Hochfilzen, wanderten in angenehmer Kühle auf steilem Waldpfad hinauf zur Grießner Schafalm, dann auf dem blumenreichen zunehmend aussichtsreichen Hochdurrachkamm, zuletzt über schotterige Hänge weiter zum Rotschartl. Dort wandten wir uns rechts und erreichten über den felsigen rampenartig angelegten Steig, stellenweise mit Geländerseilen gesichert, den mit einem stattlichen Kreuz geschmückten Gipfel des Grießner Hochbretts, 2.467 m.

Die Aussicht von diesem einzigen durch einen markierten Steig erschlossenen Leoganger Gipfel westlich des Birnhorns ließ keinen Wunsch offen. Ein unbekannter Dreispitz, ganz nahe und unnahbar zugleich, zog zuerst alle Aufmerksamkeit auf sich: Das Dreizinthorn. Dann aber ließen wir die Blicke in die weite Runde schweifen, beginnend im Süden mit der frisch überzuckerten und deshalb blütenweißen Silhouette des Alpenhautkamms, die sich über die grünen Grasberge des Pinzgaus erhob, übers Kaisergebirge, die Loferer und Berchtesgadner Felsberge, und versuchten schließlich die wenigen bekannten und vielen unbekannten Gipfel des Leoganger Steinbergstocks an Hand der Karte zu identifizieren. Wir schauten hinüber zum Großvenediger, über dem sich gerade in diesem Moment eine Wolke – fast die einzige am Himmel – bildete, und einigen Freunden, die dort unterwegs waren und vielleicht genau jetzt am höchsten Punkt standen, die Aussicht verstellte. Gemein...

Beim Abstieg hätten wir vom Rotschartl aus noch gerne das Große Marchandhorn mitgenommen. Der Grat hatte kurze, steile Felsstufen und war überraschend brüchig. Mehrmals wackelten sogar größere nur scheinbar angewachsene Felsen, denen wir unser Gewicht nicht anzuvertrauen wagten. Unser Urteil: ohne Kletterausrüstung zu heftig. Wir kehrten um. Die Tour aufs Hochbrett war auch ohne diese Fleißaufgabe eindrucksvoll genug!

Lorenz Mayer