Blütenteppiche und stolze Gipfel
Vier Tage im Rätikon
Wer hätte gestern daran gedacht, dass wir jetzt auf dem Gipfel des Mittleren Drusenturms stehen würden? – Eigentlich hatten wir uns auf vier Bergtage in den slowenischen Steiner Alpen eingerichtet, so wie sie im Programm ausgeschrieben waren. Doch die Wetteraussichten waren dort wie im überwiegenden Ostalpenraum nicht nur trüb, sondern noch gewitterträchtig dazu, und nach einer Stunde Internetrecherche und einem Anruf bei der persönlichen AV-Wetterberatung stand das Ersatzziel fest: Das Rätikon. Da war für die ersten zwei Tage nur mit geringer Schauerneigung, dann mit schönem sonnigem Wetter zu rechnen. Nach einer weiteren Stunde waren die Tour ausgearbeitet, die Teilnehmer verständigt und die Schlafplätze auf den Hütten reserviert. Heute Morgen waren wir mit voll bepackten Rucksäcken bei heiterem Wetter vom Stausee Latschau zur gastlichen Lindauer Hütte mit ihrem großartigen Alpenblumengarten hinaufgewandert. Gestärkt mit einer Suppe oder einem Apfelstrudel waren wir, jetzt mit bedeutend leichteren Rückenlasten zuerst auf dem Weg zum Drusentor, dann vorbei am Sporaturm und über die Schneefelder des oberen Sporatobels zu dem großen Gipfelkreuz heraufgestiegen.
Wir jausten aus dem Rucksack und betrachteten durch die vorbeiziehenden Nebelschwaden fensterlweise die nähere Umgebung. Da war auf der einen Seite ein behäbiger Rücken, noch etwas höher als unser Standort, und auf der anderen Seite sahen wir hin und wieder einen bizarren kreuzgekrönten Felszacken: Der Große und der Kleine Turm, die zusammen mit „unserem“ Gipfel das berühmte Montafoner Dreigestirn bilden und die wir auch noch besuchen wollten. Den Großen Turm erreichten wir ohne Schwierigkeiten. Am Fuß des Kleinen Turms schieden sich dann die Geister. Drei klettertüchtige Mitglieder unserer Gruppe erklommen schließlich den kühnen Felszahn auf der kurzen, zuletzt sehr luftigen Route im II. bis III. Schwierigkeitsgrad.
Statt des erhofften strahlenden Sonnenscheins erwartete uns am Morgen für den Übergang zur Totalphütte ein trübes, kühles und nicht ganz trockenes Wetter. Da waren die Träume von einigen Abstechern und „Umwegen“, wie Geiß- und Kreuzspitze, Kirchlispitze und Rosskopf schnell ausgeträumt. Nur am Öfapass bestiegen einige von uns über die kurze, aber steile Grasflanke den Öfakopf, und bei etwas Neuschnee war da zumal beim Abstieg eine gehörige Vorsicht vonnöten. Gesehen haben die aber auch nicht mehr als die anderen, die Gipfel waren verhüllt, und Blumen gab’s hier wie da in allen Farben und geradezu verschwenderischer Zahl.
Manchmal hob sich für kurze Zeit ein wenig der Nebel und gab die Ansätze der Felsburgen von Drusenfluh und Kirchlispitzen frei, an denen unser Weg vorüberführte. Am Lünersee hatten die Nieselschauer endlich aufgehört und die Wolken begannen sich aufzulockern. Hier waren nicht wenige Wanderer unterwegs, die mit der Seilbahn zu der am jenseitigen Ufer thronenden Douglass-Hütte heraufgegondelt waren und die das halbschärige Wetter nicht von dem Randgang um den See abgehalten hatte. Uns stand noch eine Stunde steiler Aufstieg bevor, dann standen wir vor der Totalphütte.
Die Sonne zeigte sich jetzt immer häufiger, und lockte uns um vier Uhr Nachmittags wieder aus der gemütlichen Hüttenstube heraus. Mit leichtem Rucksack, oder nur mit um die Hüfte gebundenem Anorak und einem Riegel in der Tasche, schwebten wir fast hinauf, auf längere Strecken über gut begehbare Schneefelder, und standen schon nach eineinviertel Stunden auf dem Schesaplanagipfel. Das riesige Kreuz, das erst ganz zum Schluss sichtbar wird, stand schon vor unseren Augen, um sich im nächsten Moment mit einem dichten grauen Mantel zu umhüllen.
So stehen wir auf der hohen Warte, 2.965 m über dem Meer, und die Aussicht reicht, in welche Richtung wir auch blicken, enttäuschende fünfzig Meter. Zwanzig, fünfundzwanzig Minuten ungemütliche Gipfelrast. Wir beschließen, abzusteigen. Trotz allem noch schnell ein Erinnerungsfoto! Da reißt der Vorhang mit einem Male auf, es öffnet sich der Blick über den Brandergletscher bis hinüber zur Mannheimer Hütte. Grad, dass wir’s noch derwarten haben können! Welch ein Glück!
Im Gegensatz zum Vortag erwartete uns der Morgen mit strahlendem Sonnenschein, und wir freuten uns auf den Panoramagang unter den Südwänden des Rätikonkammes. Doch schon bald fiel wieder Nebel ein. Von der Gamsluggen stiegen wir auf einem steilen kettengesicherten Steig die schroffige Flanke nach Süden hinunter zum Prättigauer Höhenweg, machten einen Schlenker zur entgegen unseren Erwartungen geschlossenen Colrosahütte und wanderten dann über herrliche blumenreiche Almmatten in sanftem auf und Ab zur Carschinahütte. Nur die Aussicht ließ zu wünschen übrig: die nahen großen Wände von Kirchlispitzen, Drusenfluh und Drei Türmen zur Linken ließen sich wenigstens zeitweise sehen, die fernen Silvretta- und Berninaberge auf der rechten Seite blieben aber hinter dichten Wolkenmauern verborgen. Dieses Wetter war gar nicht nach den Vorhersagen, und auf der Carschinahütte meinte ein Einheimischer: Dr Wettrmann hat heut sin Geld abr nit verdient!
Über den weglosen Kamm bestiegen wir den hüttennahen Schafberg, und dessen Gipfel hatte tatsächlich eine größere Schafherde besetzt. Etwas unterhalb entdeckten wir eine abgelegene nagelneue Schäferhütte. Der Schäfer war erst an diesem Tag heraufgekommen und noch mit dem Einräumen beschäftigt. Er erzählte uns, dass die Hütte per Hubschrauber an diesen Ort gebracht worden war, zu dem keine Straße, ja nicht einmal ein Fußsteig hinaufführt.
Am letzten Tag gab es in der Früh fast ungehinderte Sicht, aber wieder währte der Sonnenschein nur kurz. Während die einen auf dem schönen, anspruchsvollen Klettersteig (Schwierigkeit C – D), die anderen durch den Gemschtobel der Sulzfluh zustrebten, gingen über die Bergketten ringsum schon teils starke Regenschauer nieder. Wir hatten gerade die Hälfte des Klettersteigs durchstiegen, als bei uns die ersten Tropfen fielen. Doch wir hatten Glück. Die Wolken lichteten sich wieder, und wir kamen nach raschem Durchstieg trocken bei der „Gemschtobler-Fraktion“ an, die uns schon am Gipfel erwartete.
Wieder vereint stiegen über den „Rachen“ ab, und in der Lindauer Hütte schloss sich der Kreis unserer Rundtour. Fazit der vier Tage: Auch ohne Traumwetter eine Traumtour durch ein (für die meisten von uns) alpines Neuland.
Lorenz Mayer





























































