Skihochtouren von der Riffelseehütte

Der Kaunergrat ist der schroffste Kamm der Ötztaler Alpen und nicht gerade als ideales Skitourenrevier bekannt. Dementsprechend sind die Hütten des Gebiets zur Skitourenzeit geschlossen, mit einer Ausnahme allerdings: Die Riffelseehütte. Die liegt im hinteren Pitztal, sozusagen im Herz der Ötztaler Alpen, ist exzellente Aussichtswarte auf die gleißenden Gletscher des Hauptkamms und Ausgangspunkt herrlicher Skitouren. Dass die Hütte auch von einem Pistenskigebiet berührt wird, wird man bei den vielen Vorzügen verschmerzen können, zumal man den Rummel auf den Touren schnell hinter sich lässt.

Auf unserem Wochenende im Tourenrevier der Riffelseehütte haben wir kein Wölkchen am Himmel gesehen, auf frostige Morgen folgten strahlende milde Tage, und auf allen Hängen, die nicht direkt der Sonne zugewandt waren, und das waren die allermeisten, lag noch wunderbarer Pulverschnee. Am späten Freitagnachmittag, als Sonne und Temperaturen im Gleichklang schon niedersanken, stiegen wir von Mittelberg über die Skipiste hinauf zur Hütte.

Am nächsten Morgen standen alle elf Teilnehmer um Punkt acht Uhr startbereit vor der Hütte. Unser Ziel war der Rostizkogel, 3.392 m hoch, und laut Literatur der Gala-Skigipfel des Gebiets. Wir fuhren ein kurzes Stück zu der brettlebenen, makellos weißen, kaum als See zu erkennenden Fläche des Riffelsees hinunter, und zogen die Felle auf. Gemächlich folgten wir der Spur hinein ins flache Riffeltal und nach einem markanten Felsriegel nach rechts hinauf über gut gegliederte mittelsteile Hänge. Ab gut 2.800 m war Spurarbeit angesagt, und Alois und Michael nahmen die Mühen auf sich. Der Haupttross hatte gar keinen Ehrgeiz, die beiden einzuholen. Über den steilen Hang vor den rotbraunen Felsen des wuchtigen Seekogels umgingen wir einen Gletscherbruch, und erreichten über den Nördlichen Löcherferner den Gipfelaufbau. Manche ließen es damit bewenden, suchten sich ein geschütztes gemütliches Jausenplätzchen, und warteten auf die Rückkehr der Gipfelstürmer, die über die stellenweise verblasene Flanke die restlichen knapp 100 Höhenmeter zum höchsten Punkt bewältigten.

Der Schnee auf der Abfahrt war fast überall gut, auf dem Löcherferner lag unberührter Pulver, auf dem südwärts schauenden Steilhang vor dem Seekogel hatte sich schon recht passabler Firn gebildet, und wir genossen jeden Schwung. Die vier Männer unserer Gruppe konnten der Verlockung der Traumhänge des Mittleren Löcherferners hinauf zum kecken Firnhorn des K 2 (3.253 m) nicht widerstehen, spannten noch einmal die Felle auf, und nahmen die rund 400 Höhenmeter lange Fleißaufgabe auf sich. Keinen hat’s gereut, die prachtvollen Pulverhänge waren jeden zusätzlichen Schweißtropfen wert.

Der Wurmtaler Kopf, 3.228 m, gilt als ziemlich leichter Skidreitausender. Der größte Teil des Aufstiegs ist flach, nur am Ende des langen Riffeltales schwingen sich mittelsteile Hänge zum Gipfel hinauf. Dass einfach nicht langweilig und fad bedeuten muss, hat uns diese Tour am Sonntag eindrücklich bewiesen.

Da war die Aussicht vom Gipfel mit seinem winzigen Biwakhütterl, der nur durch die Krümmung der Erde Grenzen gesetzt zu sein schienen. Gleich gegenüber die Eiskastenspitze, in der weiteren Umgebung natürlich die dominierende Wildspitze, im Südwesten Weißkugel und Glockturm, in der Ferne sogar die Bernina, und im Osten das Zuckerhütl waren Glanzpunkte, die wir in dem unendlichen Meer von Firnen und Spitzen identifizieren konnten.

Da waren die fantastischen ideal geneigten Pulverschneehänge, die viel länger waren, als wir beim Aufstieg meinten, und manch einen geradezu in einen Abfahrtsrausch verfallen ließen. Auch die weitere Abfahrt war rasanter als angenommen, immer wieder luden kleinere Pulverhänge zum „Zöpfeln“ ein, und die Abschnitte dazwischen erforderten kaum einen Stockschub.

Erst ganz unten am Boden des Riffelsees kamen die Oberarme wieder zum Einsatz. Nach einer abschließenden Einkehr auf „unserer“ gastlichen Hütte fuhren wir zu Zehnt über die mittlerweile aufgefirnte Piste hinunter ins Tal. Zu Zehnt? Ja, denn eine Teilnehmerin hatte sich auf der Abfahrt bei einem unscheinbaren Sturz das Knie verdreht und „durfte“ mit dem Hubschrauber hinabfliegen. Wie sie uns nachher versicherte, überwiegt bei ihr trotz des Malheurs die Erinnerung an drei großartige Skitourentage. Sie hätte nur gerne noch ein wenig länger den allzu raschen Flug über die großartige winterliche Bergwelt der Ötztaler Alpen genossen, wenn es ihr schon verwehrt war, selber abzufahren.

Text: Lorenz Mayer
Fotos: Alois Herzig