Am Tappenkarsee

„Tour zur Almrauschblüte“ stand im Programm, aber was wir auf der gesamten Tour zum Tappenkarsee und zum Weißgrubenkopf nicht zu sehen bekamen, war ... der Almrausch (jedenfalls kein blühender). Heuer ist halt ein ganz besonders spätes Jahr. Blumenfreunde wurden trotzdem nicht enttäuscht: Zwergröserln, rotes Seifenkraut, Enzian, Schusternagerln, Alpen-Küchenschellen, weiter oben zwischen den Schneeresten auch noch Soldanellen und viele andere bunten Blüten säumten unseren Weg. Eine reine Blumenwanderung war’s trotzdem nicht, die Tour hatte allerhand an Abwechslung zu bieten.

Hinter der Schwabalm, unserem Ausgangspunkt, wird das Kleinarltal durch einen mächtigen Felsriegel abgeschlossen. Durch dieses Gewänd stürzt in zahlreichen Kaskaden wild und ungestüm der Abfluss des Tappenkarsees herunter, gerade so, als hätte er große Not, sich des zu dieser Jahreszeit gewaltigen Schmelzwasserzustroms zu entledigen. Links davon geht ein überraschend bequemer Steig hinauf, der aber ein paar Mal von Seitenarmen des Wildbaches überflutet wurde. Eine dieser „Furten“ war so wild, dass alle Teilnehmer was von den gischtenden Fluten abbekamen, die Flinkeren ein paar Spritzer, die Zaghafteren eine regelrechte Dusche.

Das Wetter war freilich schön und warm, und als sich vor uns ein Hochbecken öffnete, war fast alles schon wieder trocken. Der Wandel war beeindruckend: Gerade noch umgeben von düsteren Felswänden und schattigem Wald, traten wir hinaus in eine lichtdurchflutete kaleidoskopartige Zauberlandschaft aus graugrünen Flächen mit weißen Streifen und azurblauen Farbmustern oben und unten. Das war der Tappenkarsee. Seine spiegelnde Oberfläche verdoppelte die von zahlreichen Firnrinnen durchsetzten Flanken, die weißer und weißer werdend hinauf- wie hinabwuchsen bis zum Gipfel der Glingspitze, der nach oben wie nach unter den Horizont begrenzte.

Wir wanderten am Seeufer entlang, die Bilder in uns aufnehmend, passierten die Tappenkarsee-Alm und gingen gleich weiter zur stattlichen Tappenkarsee-Hütte, die etwas erhöht über dem südlichen Ende des Sees gelegen ist. Im der Rückschau ein ganz anderes Landschaftsbild: Zwischen steilen Felswänden mit wilden Firnkaren ein schmaler Durchblick übers Kleinarltal hinweg und hinaus in die grünen Fluren des Pongaus.

Unser Gipfelziel lag in östlicher Richtung, und ließ sich wegen seines gut sichtbaren Kreuzes leicht entdecken. Wir durchschritten den Talgrund hinüber auf die andere Seite, und stiegen über feuchte erdige Steigspuren, manchmal über ebenso feuchte Moospolster, später über Schneefelder hinauf bis zur Weißgrubenscharte. Dort verließen wir den Höhenweg, der weiterführt zur Franz-Fischer-Hütte, und gewannen auf steilem Pfad, der sich um den ganzen Gipfelstock herumwindet, den höchsten Punkt des Weißgrubenkopfes.

Bergheil, Hemdwechsel, Gipfeljause, Aussicht (trotz Quellwolken ließen sich viele hohe Majestäten der Hohen Tauern blicken), Gipfelfoto, Sonnenbad ... und nach einer knappen Stunde der unvermeidliche Aufbruch. Der Abstieg zur Tappenkarsee-Hütte war dank idealer Firnfelder und -rinnen zumindest für die Schuhsohlenvirtuosen schnell geschafft. Nach kräftiger Einkehr wanderten wir wieder hinab in Tal, und bei der „Furtenquerung“ machte sich die beim Aufstieg gewonnene Erfahrung bezahlt, so dass keiner mehr einen nennenswerten Wasserschaden zu beklagen hatte.

Text, Fotos: Lorenz Mayer