Klettersteigtouren auf die Tofane

In den Dolomiten sind die Klettersteige als „Vie Ferrate“ erfunden worden. Auch wenn das Klettersteigfieber inzwischen nahezu auf den gesamten Alpenraum übergegriffen hat, gelten die Dolomiten nach wie vor als die Heimat der Eisenwege. Zwei klassische Steiganlagen in den Felsburgen über Cortina d'Ampezzo waren im Juli 2002 für 13 Teilnehmer das Ziel einer Zweieinhalbtagesfahrt. Leider konnten nicht mehr Schlafplätze reserviert werden, und so mussten einige Spätanmelder zu Hause bleiben.

Am Freitag Nachmittag fuhren wir von Cortina auf der Falzaregopass-Straße rechts abzweigend hinauf zur Dibona-Hütte auf der Südseite der Tofane-Felsklötze und erreichten nach einem kaum einstündigen Fußaufstieg die aussichtsreich gelegene Pomedes-Hütte, wo wir die erste Nach verbrachten. Am Morgen konnten wir gleich beim Aufbruch unsere Klettersteigausrüstung anlegen, denn die Drahtseilsicherungen der "Via Ferrata Olivieri" begannen schon unweit der Hütte. Die kühne Route führt auf dem Südgrat über stellenweise senkrechte Gratstufen hinauf zur Punta Anna. Der Weiterweg wurde nun etwas leichter. Mit einer eindrucksvollen, äußerst ausgesetzten Quergangspassage wies er aber noch den spektakulären Höhepunkt der gesamten Tour auf. Natürlich war diese Stelle wie die gesamte Steiganlage mit Drahtseilen und vereinzelten Eisenstiften bestens gesichert, so dass alle mit etwas Herzklopfen und einem anregenden Nervenkitzel, aber ohne Absturzgefahr darüber hinweg kamen. Nach fünf kurzweiligen Stunden war der 3.244 m hohe Gipfel der Tofana di Mezzo, einer der höchsten Punkte der gesamten Dolomiten, erreicht. Dort erschloss sich ein großartiges Panorama, das von umherziehenden Nebelschwaden wechselweise freigegeben wurde. Die meisten „Ferratisten“ benutzten für einen raschen Abstieg die Seilbahn, die bis wenige Minuten unter dem Gipfel hinaufführt. Wir verschmähten diesen Komfort und stiegen zu Fuß ab, zuerst auf dem obersten Teil des Klettersteiges, dann quer über Schotterfelder, und schließlich auf einem stellenweise auch klettersteigartigen Verbindungssteig zurück zur Pomedeshütte. Auch für den weiteren Abstieg zur „Dibonahütte“, unserem Ausgangspunkt und nächsten Nachtquartier, fanden wir mit der „Via Astaldi“ eine interessante Variante.

Am nächsten Tag erkletterten wir die Tofana di Rozes (3.225 m) auf der „Via Ferrata Lipella“. Wenngleich etwas niedriger als die benachbarte Tofana di Mezzo, ist die „Rozes“ mit ihrer über der Falzaregopass-Straße aufragenden Südwand der beherrschende Tofana-Gipfel. Auch der Klettersteig hatte einen ganz anderen Charakter als die Gratroute vom Vortag. Er begann mit einem 500 m langen Tunnel, der im ersten Weltkrieg zu weniger friedlichen Zwecken gebaut wurde als Touristen in aussichtsreiche Höhen zu führen. Anschließend leiteten uns die Sicherungsseile durch die noch angenehm beschattete Westwand unter geschickter Ausnutzung natürlicher Bänder diagonal in die Höhe. Zum Schluss mussten wir noch in der prallen Sonne einen Schutthang überwinden, ehe wir uns unter dem Gipfelkreuz zur verdienten Rast niederlassen konnten. Über den Normalweg, vorbei an der Giussani-Hütte, gelangten wir zurück zum Ausgangspunkt. Vor der herrlichen Kulisse von Pelmo und Croda da Lago reflektierten wir beim Kaffee auf der Terrasse der Dibonahütte noch einmal die Erlebnisse der vergangenen Tage, ehe wir wieder heimwärts fuhren.

Fotos: Michael Frumm-Mayer