Hochtour Siebenschneidensteig und Wollbachspitze
Zu Neunt unternahmen wir ein Hochtourenwochenende in den Zillertaler Alpen. Beim Aufstieg vom Stillupp-Speicher zur Edelhütte passierten wir zwei Almen, wie sie gegensätzlicher kaum sein können: Zuerst die abgeschiedene kleine Krötzelberg-Alm, wo wir mit den Almbauernleuten einen Plausch hatten und wo wir einen pikanten Almkäse zum Probieren bekamen. Eine Stunde später durchwanderten wir die Matten der von Seilbahnen und Liftanlagen erschlossenen Filzenalm. Einen einsamen Schweinestall mit vier unbeaufsichtigten Säuen gab es allerdings auch dort zu bestaunen.
Am nächsten Tag begingen wir den Siebenschneidensteig, der - weniger romantisch - auch Aschaffenburger Höhenweg genannt wird. Dieser Steig führt an der Westseite des Ahorn-Kammes in einer Höhenlage von etwa 2.200 bis 2.500 Meter von der Edelhütte zur Kasseler Hütte, wobei sieben zum Teil sehr markante Gratschneiden zu überschreiten sind. Die dazwischen liegenden Kare werden jeweils in einem halbkreisförmigen Bogen ausgegangen. Der Blick auf den Zillertaler Hauptkamm mit dem beherrschenden Gr. Löffler und mehreren Gletschern verleiht dem Höhensteig einen großartigen landschaftlichen Reiz. Was den Steig anspruchsvoll macht, sind nicht so sehr die (wenigen) drahtseilgesicherten Passagen, sondern die zahlreichen zu überquerenden Blockhalden, die Trittsicherheit und Balancegefühl, aber auch eine gehörige Vorsicht verlangen, damit man nicht mit einem umkippenden Felsblock zu Fall kommt.
Von der ersten Schneid-Scharte machte der Großteil unserer Gruppe einen zehnminütigen Abstecher auf den exponierten und deshalb aussichtsreichen Toreggenkopf. Als wir wieder zur Scharte zurückkehrten, war von den zurückgebliebenen zwei Rucksackwächterinnen nur noch eine da. Die andere war im Laufschritt noch mal zur Edelhütte hinunter gelaufen, hatte sie doch dort ihren Anorak vergessen. Das bedeutete zwar eine zusätzliche ausgedehnte Pause, aber die Zeit der vergesslichen Bergsteigerin zur Hütte und wieder zurück zur ersten Schneid war absolut rekordverdächtig. Wie heißt es doch: Was man nicht im Kopf hat, ...
Die Angaben über die Begehungszeit des rund 18 Kilometer langen „Weges“ sind recht widersprüchlich; sie schwanken im allgemeinen zwischen sechs und zehn Stunden. Ein paar Bergsteiger auf der Edelhütte, die den Steig in umgekehrter Richtung gegangen waren, hatten nur fünfeinhalb Stunden benötigt. Wir brauchten dazu, ohne die erwähnte unfreiwillige Pause, bei mäßigem Tempo und mehreren Rasten acht Stunden, und das bei überdurchschnittlich schweren Rucksäcken, denn wir mussten für den folgenden Tag auch die Gletscherausrüstung mitschleppen. Die acht Stunden dürften der durchschnittlichen Begehungsdauer ziemlich nahe kommen.
Die ersten drei Schneiden bilden ziemlich scharfe Grate. Der ausgeprägteste Übergang führt über die Nofertenschneid, zu der es recht steil und stellenweise schwarzerdig schmierig an Drahtseilen und dicken Tauen hinaufgeht. Aus dem anschließenden Maderegglkar war der Grundschartner zu sehen, der bei den „Zünftigen“ wohl begehrteste Gipfel des Ahornkammes, der sich allerdings von hier enttäuschend unscheinbar zeigte. Die Nordkante als sein Schaustück lag auf der uns abgewandten Seite. Nahe dem Weißkarjöchl an der nur schwach ausgebildeten fünften Schneid bietet ein Biwakhüttchen im Notfall Schutz. Im Sonntagskar hatten wir die Wahl, entweder im Kar sanft, aber fast 200 Meter an- und dann wieder absteigend zur schon sichtbaren Kasseler Hütte hinüber zu wandern, oder mindestens ebenso viele Höhenmeter ab- und dann am jenseitigen Hang auf dem Normalweg zur Hütte hinaufzusteigen. Wir trennten uns in zwei Gruppen und trafen uns auf der Hütte wieder, wobei wir resümieren können, dass die erste Variante schöner, die zweite dafür etwas kürzer ist.
Die Wollbachspitze (3.210 m) erwies sich am Sonntag bei den derzeitigen Eisverhältnissen als recht anspruchsvolles Gipfelziel. Das Östliche Stillupp-Kees reichte noch bis nahe 2.500 m herunter, war aber weit hinauf mit Schutt und Blockwerk übersät. Im oberen Teil war es von zahlreichen, teilweise großen Querspalten durchzogen. Kurz unter dem Stangenjoch mussten wir einen tiefen Bergschrund auf einer filigranen Firnbrücke überwinden. Beim Rückweg zwei Stunden später brach diese bei der ersten Belastung ein, was wegen der sorgfältigen Sicherung jedoch ohne Folgen blieb. Vom Joch aus erreichten wir über Felsgelände in stellenweise leichter Kletterei den geräumigen, von zwei Kreuzen gezierten Gipfel. Dank des herrlichen Wetters konnten wir die hervorragende Aussicht von diesem östlichen Eckpfeiler des Zillertaler Hauptkammes ungetrübt genießen. Der Abstieg führte uns zurück zur Kasseler Hütte und hinab ins Stillupp-Tal, wo wir für den abschließenden Acht-Kilometer-Hatscher vom Gasthaus Grüne Wand zum Ausgangspunkt den Komfort eines Kleinbustaxis nicht verschmähten.









