Hochtour auf die Zugspitze

Beim insgesamt vierten Anlauf passte endlich das Wetter - einigermaßen wenigstens! Das heißt, es war sicher genug, dass wir uns an die Besteigung des höchsten deutschen Berges wagen konnten. Um halb zehn stiegen wir in Waging in den Zug und fuhren erwartungsvoll über München nach Garmisch. Dort gab es leider keinen schnellen Anschluss nach Ehrwald auf der Tiroler Seite der Zugspitze. Eisschleckend, durch den Markt bummelnd oder auf einer Parkbank sitzend überbrückten wir die Wartezeit von mehr als einer Stunde. Als wir schließlich in Ehrwald ankamen, die nächste Enttäuschung: Der Bus nach Obermoos, der uns die erste Wegstunde ersparen sollte, fuhr wieder erst nach einer längeren Pause - und das angesichts drohend aufziehender Quellwolken! Als wir uns schon mit dem verlängerten Fußmarsch abgefunden hatten, hielt neben uns plötzlich ein Taxi-Kleinbus. Den hatte uns natürlich nicht der Himmel geschickt, sondern die Aussicht des Unternehmers auf ein Geschäft wegen der mangelnden Abstimmung der Linienbusse. Uns war's egal - wenige Minuten später waren wir schon an der Talstation der Tiroler Zugspitzbahn zum Abmarsch bereit.

Wir wanderten zuerst über Grashänge, neben einigen Skiliftstützen her, dann durch Latschengassen in das steinige Gamskar. Wir gingen ein ziemliches Tempo, denn die Bewölkung wurde immer dichter und drohender. Am oberen Ende des Kars fing es leicht zu regnen an, und wir zogen unsere Anoraks und Regenhüllen aus dem Rucksack. Glücklicherweise wurde der Regen nicht stärker. Auf einem teilweise mit Drahtseilen gesicherten Steig eilten wir im Nebel weiter, und plötzlich standen wir vor der Wiener-Neustädter Hütte des Österreichischen Touristenklubs, unserm heutigen Tagesziel. So duster wie das Wetter, so duster war's auch in der Hütte. Die Gaslampen in der Gaststube spendeten nur spärliches Licht. Die Hütte strahlte noch den Geist der (vorletzten) Jahrhundertwende aus. Ein romantisches Flair konnte man ihr freilich nicht absprechen. Zudem war die Hütte äußerst preiswert, was wir gerade hier an der Zugspitze nicht erwartet hätten.

Am nächsten Morgen war es zwar noch stark bewölkt, aber trocken, und wir konnten von der Seilbahnstütze, die auf einem Felsriegel über der Hütte aufragte, die Drahtseile der Seilbahn bis hinauf zum Gipfel verfolgen.

Wir querten hinüber auf die andere Seite des Schneekars zu einer schrägen Felsrinne, dem sogenannten "Stopselzieher", durch den wir die steile Begrenzungswand des Schneekars überwanden. Anschließend stiegen wir über weniger steile, aber gut mit Drahtseilen gesicherte Stufen hinauf zum Grat und weiter zum Gipfel. Zuerst mussten wir die von Hunderten Seil- und Zahnradbahntouristen bevölkerten Plattformen des völlig verbauten Gipfels durchschreiten, wobei uns in dem Gedränge beinahe eine Teilnehmerin abhanden gekommen wäre. Schließlich gelangten wir auf einem kurzen, aber ausgesetzten Steig zum goldfarbenen Gipfelkreuz. Dort konnten wir unseren Triumph nicht in der gebührenden Weise auskosten, denn der Platz war sehr beengt und andere Bergsteiger und Seilbahnfahrer drängten nach, die ebenfalls einmal ihren Fuß auf den definitiv höchsten Punkt Deutschlands gesetzt haben wollten. Außerdem war die Aussicht nicht gerade berauschend. Nach ein paar Schnappschüssen verließen wir den Gipfelgrat schon wieder.

Auf dem Abstiegsweg durch das Reintal war es wesentlich ruhiger, doch beileibe nicht einsam. Das Reintal birgt schließlich den leichtesten, aber zugleich längsten Zugspitzweg.

Immer wieder kamen uns aufsteigende Gruppen entgegen. Die meisten werden um die zehn Stunden unterwegs gewesen sein, wenn sie am Gipfel ankommen, und dann mit einer der drei Bahnen wieder hinunterfahren. Wir wanderten durch die Steinwüste des Zugspitzplatts abwärts. Über dem Dach der Knorrhütte, das zum Schutz vor Lawinen in den Hang hineingebaut wurde, machten wir eine kräftige Brotzeit. Nach weiteren eineinhalb Stunden gelangten wir schließlich zur gastlichen, von tibetischen Gebetsfahnen umstandenen Reintalangerhütte. Während des Tages war es zunehmend sonnig und warm geworden, und so lockten uns die eiskalten Fluten der vorbeifließenden jungen Partnach zu einem belebenden Kneippbad für die strapazierten Füße. Drei Teilnehmer riskierten sogar ein (kurzes) Vollbad. Auf der Hütte war so manches anders als wir es gewohnt waren. In Erinnerung geblieben sind uns besonders die Kaffeetafel des gesamten Hüttenpersonals an einem großen Tisch auf einer Sandbank in der Partnach, während der es in der Hütte nichts zu kaufen gab, und das Hausmusikkonzert, das der Hüttenwirt und Hackbrettvirtuose Charly Wehrle mit einigen Freunden zum Besten gab. Trotz großem Betrieb gab es keine Hektik. Im Ambiente der Reintalangerhütte fanden war die Muße, unseren Gipfelerfolg so richtig zu genießen.

Am folgenden strahlenden Morgen verließen wir den gastlichen Ort. Unter der Flanke des Hochwanners wanderten wir der Partnach entlang talwärts. Blaue Gumpe, Bockhütte und eine Bachschleife boten willkommene Rastplätze. Am Ende des langen Weges erwartete uns das monumentale Naturdenkmal der Partnachklamm. Bei der Partenkirchener Olympiaschanze war das Abenteuer Zugspitze endgültig Vergangenheit.