Über den Hochthronsteig auf den Untersberg

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Hochthronsteig lautet seine offizielle Bezeichnung, ein trockener, sehr sachlicher Name! – Bei einem so aussichtsreichen Tag wie am 17. Mai 2009 könnte ich mir auch vorstellen, ihn „Klettersteig zum Watzmannblick“ zu heißen, oder, bezogen auf die frühlingshafte Blumenpracht „Gamsbleame- und Enzian-Klettersteig“. Denn es verhielt sich tatsächlich so, dass wir bei jeder Linksquerung ohne den Kopf zu wenden einen Prachtblick auf König Watzmann mit seiner Familie genießen konnten, und aus nahezu jeder noch so kleinen Ritze im Fels die gelben und blauen Blüten hervor sprießten.

Vom Parkplatz Rossboden, der gerade hübsch hergerichtet wird – ob letztlich mehr Platz vorhanden sein wird, außer für die am Ende wohl unvermeidlichen Parkuhren, wage ich zu bezweifeln – wanderten wir hinauf zum Scheibenkaser. Nun mussten einige Schneefelder gequert werden, die sich zum Schluss über die Lawinenkegel am Fuß der Felswand ganz schön aufsteilten. Guter Trittfirn ließ uns problemlos hinaufkommen. Die Randkluft, bestimmt wenigstens 15 Meter tief, war noch schmal und leicht zu übersteigen. Doch breit genug, dass ein leichtsinniger Klettersteigler, mit der abbrechenden Schneekante reinflutschen kann, war sie auf alle Fälle, und der Überstieg könnte in den nächsten Wochen noch ein Problem werden, wenn die Kluft in Folge der zunehmenden Ausaperung weiter wird. Und bis die Reste des vergangenen Winters soweit zurückgeschmolzen sind, dass man trockenen Fußes ganz unten zum Originaleinstieg gelangen kann, stehen der Frühjahrssonne noch mehrere Wochen harter Arbeit bevor.

Jetzt aber stand dem Gang durch die pralle Felsmauer nichts mehr im Wege. In anregendem Klettern und Klimmen und Steigen, stets dem straff gespannten gleichermaßen Richtung weisenden und Sicherheit vermittelnden Stahlseil entlang, darin die Karabiner sorgfältig einklinkend, hin und wieder auf Trittstiften oder –klammern stehend, manchmal aber auch in anstrengendem Gegendruck trittlose Stellen zügig überwindend, dann auf kleinen Podesterln rastend, verschnaufend und schauend und fotografierend, genossen wir die atemberaubende Steilheit und Luftigkeit einer unwirklich scheinenden Welt.

Vielen Abschnitten hat man Namen gegeben, wie Einstiegsplatte, Gamsband (dort fanden sich freilich keine Gamsen, die kühlten sich unten im Schnee!), Pfeiler, Genusswandl, Schluchtrampe, Rauhe Welt, Ausstiegskamin und Finale. Dazwischen zwei Stellen, die besonders herausgegriffen sein sollen: Der spektakuläre, ungemein ausgesetzte Fotoquergang und die Hangelschuppe, eine hinausdrängende Oberarmschmalz fordernde Quergangspassage.

Nach zwei Stunden stiegen wir aus dem steingrauen Gewänd hinaus auf die latschengrüne firngefeckte Sanftheit der Untersberg-Hochfläche. Dass das Stöhrhaus bereits geöffnet sei, wie wir mehrmals munkeln hörten, erwies sich als Gerücht. Lange saßen wir deshalb oben am Gipfelkreuz, an diesem wunderschönen warmen Tag, vor der Kulisse der noch schneebedeckten Berge im Süden. Beim Abstieg kamen wir noch einmal zum Scheibenkaser, und da war der zwischenzeitlich heraufgekommene Besitzer gerade dabei, die Dachrinnen zu reparieren, die unter den Schneelasten des Winters arg verbogen und heruntergedrückt waren. Welch ein Glück, dass wir in unserer Gruppe einen leibhaftigen Spenglermeister dabei hatten, der ihm gleich helfend unter die Arme greifen konnte!

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Lorenz Mayer