Wo König Ortler seine Stirn …

Die Anfahrt begann noch zu nachtschlafender Zeit, aber als wir am Reschenpass angelangt waren, hatte sich strahlend die Sonne erhoben. Wir machten die fast schon obligatorische Pause am Reschensee bei der aus dem Wasser herausragenden Kirchturmspitze von Altgraun, und schauten nicht minder fasziniert nach Süden, wo nur noch 30 km Luftlinie entfernt „König“ Ortler seine firngekrönte Stirn in den wolkenlosen Morgenhimmel reckte. Links, östlich davon, erhob sich eine Felskette, in der auch die Tschenglser Hochwand stehen musste, auf deren Gipfel wir heute noch stehen würden.

In Sulden stellten wir unsere Wägen am Parkplatz des K2-Sessellifts ab. Mit schweren Rucksäcken wanderten wir zuerst an einem waldflankierten Wildbach entlang, dann über wunderbare Blumenteppiche das Zaytal hinauf. Wir legten mehrere Pausen zum Verschnaufen und zum Schauen ein, betrachteten die unzähligen Blüten, die über einer Geländekante schon aufgetauchte Düsseldorfer Hütte und die vor uns liegenden Zaytaler Berge und richteten mehr als einmal unseren Blick zurück: Da baute sich erhaben und gewaltig das Dreigestirn aus der Königsspitze, von deren einst stolzer, eisgepanzerter Nordwand nur mehr ein kümmerlicher Rest geblieben ist, dem eher unscheinbaren Monte Zebru und dem Ortler mit seinem markanten Firndach auf.

Am späten Vormittag kamen wir zur Düsseldorfer Hütte, die neu renoviert war und bestens bewirtet. Wir quartierten uns ein und stärkten und erfrischten uns. Dann schulterten wir wieder unsere von manchem Krimskrams entledigten und entsprechend leichter gewordenen Rucksäcke. Unser Ziel war die Tschenglser Hochwand. Drei Anstiege standen dort zur Wahl. Der Großteil unserer Gruppe hatte die komplette Klettersteigausrüstung dabei und beging die neue „Ferrata“, einen luftigen, aber nicht allzu schwierigen Eisenweg, der sich als interessanteste Variante herausstellte. Die Übrigen stiegen über die an einigen Stellen drahtseilgesicherte Otto-Erich-Route auf. Den dritten, den Normal-Weg, zumeist ein rechter Hatscher über steiles grobschotteriges Gestein, lernten wir beim gemeinsamen Abstieg auch noch kennen. Vom Gipfel in 3.375 m Höhe bot sich eine überwältigende Aussicht auf gleißende Firne und felsige und eisüberzogene Bergspitzen, mit dem Zufáll-Cevedale-Massiv als weiteren Glanzpunkt neben dem Ortler-Dreigestirn.

Am nächsten Tag brachen wir um halb sieben auf und bestiegen über die Reinstadler-Route die Hohe Angelusspitze. Dieser schöne gletscherfreie und bei guten Verhältnissen relativ leichte Steig kann heute als Normalweg betrachtet werden, nachdem die Route über die Angelusscharte wegen Gletscherrückgang und Steinschlaggefahr sehr gefährlich geworden ist. Auf dem Gipfel stand ein massives Eisengebilde, einem Klettergerüst auf Spielplätzen nicht unähnlich, und im Nu hatten mehrere Teilnehmer den 3.521 Metern Meereshöhe noch fünf draufgesetzt. Nach einer ausgedehnten Gipfelrast kletterten wir den unschwierigen Südostgrat hinab zur Angelusscharte und weiter zum flachen und aperen Laaserferner, auf dem wir bequem unter der Ostflanke der Vertainspitze zum Rosimjoch hinüberspazieren konnten.

Von dort stiegen wir über einen langgezogenen, an einigen Stellen sehr grobblockigen Grat auf die Vertainspitze, den mit 3.544 m höchsten Punkt der Zaytaler Berge. Trotz aufziehender Quellwolken blieb die Sicht noch weitgehend frei. Da ein späteres Wärmegewitter nicht ausgeschlossen werden konnte, dehnten wir die Gipfelrast nicht allzu sehr aus. Wir gingen zurück zum Joch, dann durchs das einsame, wilde Rosimtal über Gletscher, Moränenschutt und begrünte Matten hinunter zur Kanzel. So heißt ein aussichtsreicher Almstrich, zu dem von Sulden ein Sessellift heraufführt. Nun standen noch 400 Höhenmeter Wiederaufstieg an. Nach insgesamt zehn Stunden Gehzeit endete die Überschreitung von zwei stolzen Dreieinhalbtausendern in der Düsseldorfer Hütte, wo unsere ausgetrockneten Kehlen wieder richtig versorgt wurden.

Nach zwei Tagen „anschauen“ stand nunmehr die Besteigung von „König“ Ortler an. Dazu mussten wir zur Payerhütte auf der gegenüberliegenden Talseite hinüberwechseln. Die meisten hatten noch Reserven und Lust auf eine hübsche Fleißaufgabe und stiegen auf dem Umweg über das Hintere Schöneck (3.128 m) ins Tal ab. Nach dem Umpacken der Rucksäcke wanderten wir über die Tabaretta-Hütte, in der wir eine Kaffeepause einlegten, zum bereits über 3000 m hoch gelegenen Stützpunkt am Ortler-Normalweg auf. Die Payerhütte war voll belegt und die Gäste mussten in zwei Schichten verköstigt werden.

Der Gipfeltag begann mit dem Frühstück um vier Uhr, und beim ersten Morgengrauen brachen wir auf. Am Anfang taten die Stirnlampen noch gute Dienste. Die Route führte zuerst über einen längeren, mit mehreren Kletterpassagen gespickten Felskamm in mehrmaligem Auf und Ab und wenig Höhengewinn zum Beginn des Gletschers. Der war noch gut überfirnt und gut zu begehen. Kurz unter dem Lombardibiwak war der Gletscher durch einen offenbar erst in jüngster Zeit ausgeaperten Felsriegel unterbrochen, der etwas Kletterei erforderte und beim Abstieg zumeist abseilend überwunden wird. Dann aber konnte uns nicht mehr aufhalten. In drei Fünferseilschaften zogen wir zum Gipfel, und passierten immer wieder wilde Spaltenzonen. Das Wetter war nicht so klar wie an den vorangegangenen Tagen, der Gipfel blieb zeitweise sogar eingehüllt. Als wir oben standen, in 3.899 m Höhe, boten sich doch zahlreiche Sichtfenster auf nähere und fernere Gipfel, auf das Sommerskigebiet am Stilfser Joch, auf den oberen Teil des Hintergrats, auf dem mehrere Seilschaften heraufgeklettert kamen, und auch ins Tal. Über allem aber stand die Freude, dass es alle fünfzehn Mitglieder unserer Gruppe auf den höchsten nichtschweizerischen Ostalpengipfel geschafft haben.

Beim Abstieg bildete sich an der Schlüsselstelle des Felskammes zur Payerhütte bei einsetzendem leichten Regen ein größerer Stau. Erst nach einer unangenehmen Wartestunde ging’s wieder voran, und mit einem rasch aufgebauten Seilgeländer kam unsere große Gruppe in wenigen Minuten zügig und sicher über die feuchten Felsen hinweg. Der weitere Gang hinunter nach Sulden war noch lang, bot aber keine Schwierigkeiten mehr, und zudem hörte der Regen wieder auf.

Text: Lorenz Mayer
Fotos von den Teilnehmern