Dolomitenträume in der Pala

„Das herrlichste natürliche Amphitheater der dolomitischen Alpen“ - so beschrieb Anfang des letzten Jahrhunderts der italienische Journalist und Geograph Cesare Battisti die Lage von San Martino di Castrozza - und er hatte dabei wirklich nicht übertrieben.

„Die Palagruppe ist ein Highlight der Dolomiten, ein landschaftliches Juwel am Südrand der Alpen ...“ (Stefan Herbke)

In die südlichen Dolomiten führte Ende Juli die Hochtourenwoche 2007. Die Pala steht, wohl der umständlicheren Erreichbarkeit wegen, in der Gunst der deutschen Bergsteiger hinter den Dolomitengruppen um Gröden, Cortina oder Sexten zurück. Dabei hat diese große Untergruppe alles zu bieten, was den Reiz der Dolomiten ausmacht, und der Alpinjournalist Ewald Weiß hat sie gar als deren „Quintessenz“ bezeichnet. Mit zwölf Teilnehmern erwanderten und erkletterten wir die bizarre Felslandschaft der Palagruppe auf Höhenwegen Klettersteigen, und auf den zahlreichen Gipfelabstechern war bisweilen auch die eine oder andere Kletterpassage zu überwinden.

Bei der Anfahrt machten wir auf dem Rollepass Halt und bewunderten das kühne Horn des Cimon della Pala, eines der berühmtesten Gipfel der Dolomiten, der sich dort von seiner fotogensten Seite präsentiert. Bis zum Schnüren der Bergschuhe mussten wir aber noch etliche Kilometer fahren, denn wir hatten als Ausgangspunkt das Canali-Tal auf der Pala-Südseite ausgewählt. Unser erster bergsteigerischer Stützpunkt war die Pradidali-Hütte, herrlich gelegen in einem Hochtal zwischen den Felsburgen des Sass Maor, der Pala die San Martino und der Cima Canali. Wir quartierten uns ein und nach einer Stärkung brachen wir gleich zu unserem ersten Gipfel, der Cima del Lago auf. Die Sicht war allerdings wegen der für die Südalpen nicht untypischen nachmittäglichen Nebel bescheiden.

Am nächsten Tag stiegen wir über den Portón-Klettersteig hinauf zur gleichnamigen, eigenartig versteckten Scharte. Jenseitig zog ein besonders aussichtsreicher Klettersteig unter der Cima della Madonna mit der berühmten Schleierkante, in der wir mehrere Kletterer beobachten konnten, weiter zur Velohütte. Anschließend ging es auf dem Velo-Klettersteig zurück, und dann hinauf zur Forcella di Stephen. Von dort war es nicht weit auf den Gipfel der Cima di Val di Roda. Über den Gusella-Klettersteig kamen wir hinunter zum Passo di Ball, wieder ganz nahe der Pradidali-Hütte, von der wir am Morgen aufgebrochen waren. Wir folgten nun dem gut ausgebauten Dolomiten-Höhenweg Nr. 2 zur Rosetta-Hütte.

Fotogalerie #1

Die Rosetta-Hütte bildete den Ausgangspunkt für den klassischen Bolver-Lugli-Klettersteig, der vom Almflecken Col Verde auf die Schulter des Cimon della Pala hinaufführt. Gewöhnlich wird der Einstieg von San Martina di Castrozza über die erste Sektion der Rosetta-Seilbahn erreicht. Wir gelangten von der Hochfläche absteigend dorthin, ehe die ersten „Seilbahn-Ferratisten“ unterwegs waren. Der „Bolver-Lugli“ hat uns alle begeistert. Der Steig war anders als viele bekannte Eisenwege, viel natürlicher und nicht so oberarm-kraftraubend wie viele neuere Anlagen. Er erlaubte vielfach natürliches Klettern am Fels, wobei der Karabiner zur Sicherung am Stahlseil lediglich mitlief, ohne dass wir dieses selbst zum Emporhangeln benutzen mussten.

Vom Fiamme-Gialle-Biwak, das nahe des Klettersteig-Ausstiegs steht, kletterten fünf Teilnehmer auf einer etwas verwickelten Route auf den stolzen Gipfel des Cimon della Pala. Die Tour mit Stellen im II. bis III. Schwierigkeitsgrad war wegen des nicht immer zuverlässigen Gesteins durchaus ernst. Originell war der enge Durchschlupf aus einer Höhle heraus, der „Bus del Gat“ (zu deutsch: Katzenloch) genannt wird. - Die übrigen wanderten gleich weiter auf die Cima della Vezzana, den mit 3.192 m höchsten Palagipfel, und dann hinunter zur Rosetta-Hütte. Auch die Cimon-Bezwinger bestiegen einige Zeit später noch den Kulminationspunkt der gesamten Pala, und die mussten ihre Fleißaufgabe damit bezahlen, dass sie beim Abstieg in einen heftigen Schauer gerieten und einigermaßen durchnässt bei der Hütte ankamen.

Nach der zweiten Nacht in der Rosetta-Hütte erwartete uns ein wunderschöner Morgen. Vor dem Frühstück spazierten wir hinauf auf die Rosetta und genossen das prachtvolle Dolomitenpanorama. Später überquerten wir bei außergewöhnlich aussichtsreichem Wetter die mondartige Pala-Hochfläche nach Osten, wobei auch die Marmolata hinter der Vezzana-Gruppe zum Vorschein kam und schließlich wie die nördliche Begrenzung des Altipiano wirkte. Die Hochfläche ist keineswegs eben, so wie es von der Weite erscheinen mag. Die Begehung ist nicht schwierig, doch bei dichtem Nebel sollte man die Orientierungsprobleme nicht unterschätzen, denn es gibt meist nur farbige Markierungen und keine angelegten Wege. Wir stiegen auf die knapp 3.000 m hohe Fradusta mit ihrem kleinen Gletscherrest, dessen Schicksal besiegelt zu sein scheint wie das des Blaueisgletschers, und wanderten dann über den Canali-Pass und zuletzt durch wunderbar blühende Almrauschmatten hinunter zur frisch renovierten Treviso-Hütte, in der wir wieder zweimal übernachteten.

Fotogalerie #2

Auch das Canalital birgt einen reizvollen Klettersteig, den wir nicht ausließen. Herrschten beim Zustieg durch das Coro-Kar und auch beim Einstieg noch düsterer Nebel, so lichtete er sich während des Durchstiegs und der Ausstieg erfolgte in gleißendes Sonnenlicht. Der Klettersteig hatte seinem Namen „Fiamme Gialle“ (gelbe Flamme) alle Ehre gemacht. Der Ausstieg brachte aber auch ein Schreckensmoment. Durch einen ausgebrochenen Stein löste sich ein Steinschlag, und es hätte für die in der Falllinie Nachsteigenden schlimmer ausgehen können als mit ein paar blauen Flecken. Auf dem Hochplateau ließ es sich beim Reali-Biwak gut rasten, und gegenüber lockte der eine Stunde entfernte Gipfel der Croda Granda zu einem lohnenden Abstecher. Später stiegen wir durch das „Vani Alti“ ab, durch das laut verbreiteter Literatur ein Klettersteig hinunterführen soll. Tatsächlich sind in der rund 100 Meter hohen Steilwand nur einige Haken vorhanden, an denen wir mittels Seilgeländer sicherten.

Für den Übergang zur Scarpa-Gurekian-Hütte wählten alle zum Auftakt die kurze, aber knackige Variante über die Ferrata Canalone. Von der Mughe-Scharte aus statteten die unermüdlichen Gipfelstürmer, und dazu gehörte der größere Teil unserer Gruppe, dem Sass d’Ortiga einen Besuch ab. Die Route war mit mehreren mäßig schwierigen Kletterstellen und zahllosen Edelweiß gespickt. Der Gipfel ist bei Kletterern begehrt wegen seiner Westkante, die als eine der schönsten Klettertouren der Pala gilt. - Hernach ging es steil hinunter zum idyllisch auf den obersten Almwiesen gelegenen Biwakhütterl Menegazzi und dann auf einem sanften Höhenweg über den Luna-Pass weiter zum Tagesziel.

Am letzten Tag waren schon ab dem frühen Nachmittag Niederschläge angekündigt, und deshalb brachen wir ziemlich früh auf. Auf dem Tourenplan stand die Begehung des schwersten Klettersteiges der Pala-Dolomiten, des „Stella Alpina“. Auch diese Steiganlage endet an einer Biwakschachtel, rund eine Dreiviertelstunde unter dem Gipfel des Agnèrs, dessen wie mit dem Messer geschnittene Nordkante das Alpenpanorama über Agordo dominiert. Zügig aber ohne Hetze durchstiegen wir die durch das straff gespannte Drahtseil gewiesene Route. Es war ein genussreicher Gang über steile, oft senkrechte Felspassagen, meist durch Nebel, der jedoch nicht so undurchdringlich war, um nicht gelegentlich einige Sonnenstrahlen durchzulassen oder einen Blick ins Tal oder auf die gegenüberliegenden Bergkämme zu gestatten. Auch für einen raschen Gipfelabstecher blieb uns noch ausreichend Zeit. Wir stiegen ab durch den im unteren Teil ebenfalls gesicherten Schluchtweg. Da sich die ersten Regenschauer gegenüber der Wettervorhersage doch deutlich verspäteten, jausneten wir auf der Scarpa-Hütte noch einmal kräftig, ehe wir den endgültigen Talabstieg nach Frassené antraten, wo die traumhafte Palarunde zu Ende ging.

Fotogalerie #3