Bei dem unbeständigen Wetter des heurigen Sommers gehört schon eine gehörige Portion Glück dazu, eine ganzwöchige Hochtourenwoche ohne witterungsbedingte Änderungen durchziehen zu können. Bei unserer Fahrt in die Walliser Alpen konnten wir alle vorgesehenen Gipfelbesteigungen sogar ohne Inanspruchnahme des vorsorglich eingeplanten Reservetags durchführen, so dass wir mit drei Viertausendern „im Gepäck“ wieder nach Hause kamen.
Als ersten Gipfel, sozusagen als „Eingehviertausender“, wählten wir den Weissmies aus. Nach der Anfahrt über München, Lindau und den Lötschbergtunnel (Bahnverladung) ins Saastal nahmen wir am Nachmittag den Aufstieg zur Almageller Hütte in Angriff. Während der Nacht fielen auf den höheren Gipfeln einige Zentimeter Neuschnee, der jedoch am folgenden Morgen den Aufstieg über den gletscherfreien Südostgrat kaum beeinträchtigte. Der Gipfel selbst blieb allerdings in dichten Nebel gehüllt, so dass wir von der 4.023 m hohen Warte keinerlei Aussicht genießen konnten. Das tat der Freude über den Gipfelerfolg aber keinen Abbruch, zumal vier Teilnehmer (von insgesamt acht) auf ihrem ersten Viertausender standen. Dieses Ereignis musste natürlich gefeiert werden. Großzügigerweise wurde den neu in den „Viertausenderclub“ Aufgenommenen im Hinblick auf die horrenden Rotweinpreise auf den Schweizer Hütten zugestanden, den fälligen Umtrunk im Tal zu spendieren.
Der Abstieg über den Triftgletscher nach Hohsaas führte uns streckenweise durch wilde Gletscherszenarien. Den weiteren Abstieg über die Weissmieshütte ins Tal nach Saas Grund bewältigten wir trotz der nahen Seilbahn zu Fuß.
Ausgangspunkt unserer zweiten Tour auf das Nadelhorn war Saas Fee. Zuerst in endlosen Serpentinen durch blumenreiche Matten, dann über einen reichlich mit Drahtseilen und Klammern versicherten Felskamm stiegen wir zur schon vom Tal aus sichtbaren 3.340 m hoch gelegenen Mischabelhütte auf. Auf der gegenüberliegenden Talseite zeigte sich der Firngipfel des Weissmies nun in seiner ganzen Pracht. Am Nachmittag, als wir bereits bei der Hütte angelangt waren, gab es zum einzigen Mal in der Woche ergiebigere Niederschläge, die auf 4.000 m rund 10 cm Neuschnee brachten. Beim Aufbruch am folgenden frühen Morgen zeigten sich jedoch wieder die Sterne. Die Überquerung des Hohbalmgletschers erwies sich als tückisch, denn wegen des fehlenden Nachfrosts waren die Schneebrücken über die zahlreichen Spalten weich und erforderten größte Vorsicht. Schließlich aber war das Windjoch erreicht, von dem ein kombinierter, trotz des Neuschnees überraschend gut zu begehender Firn- und Felsgrat in den grauen Nebelwall hineinleitete, in dem sich das 4.327 m hohe Nadelhorn verbarg. Der Gipfel mit dem kleinen Metallkreuz war winzig, und fürs Erinnerungsfoto konnte nur jeweils eine Seilschaft gleichzeitig posieren. - Beim Rückweg nahmen wir vom Windjoch in einem viertelstündigen Gegenanstieg das 3.925 m hohe Ulrichshorn mit, einen bezogen auf die zusätzlichen Besteigungsmühen recht „billigen“ Gipfel, der aber an Höhe immerhin den Ortler als höchsten nichtschweizerischen Ostalpenberg überragt. Am gleichen Tag stiegen wir noch ganz ins Tal ab und nächtigten wieder in der „Bergheimat“ in Saas Grund, wo wir schon nach der Weissmiestour geschlafen hatten..
Nach den zwei „Nebelhörnern“ hatten wir uns einen großen Gipfel bei sonnigem und aussichtsreichem Wetter redlich verdient. Wir verließen das Saastal und wechselten hinüber ins Mattertal. Der größere Teil unserer Gruppe konnte erstmals den wirklich einmaligen Anblick des Matterhorns über Zermatt bestaunen. Teils zu Fuß, teils (bequemer und nicht ganz billig) mit der Gornergratbahn erreichten wir die Station Rotenboden, wo der übliche Weg zur Monte-Rosa-Hütte beginnt. Dorthin waren die breiten Eisströme des Gorner- und Grenzgletschers zu überschreiten. Auf dem gesamten Hüttenzustieg bot sich uns eine großartige Aussicht auf Matterhorn, Breithorn, Liskamm und Monte-Rosa, und die stolzen Walliser Felsgipfel im Westen Weisshorn, Zinalrothorn, Obergabelhorn und Dent Blanche veranlassten uns immer wieder, stehen zu bleiben und zurückzuschauen.
Auf der Monte-Rosa-Hütte wurden wir mit den übrigen Gipfelaspiranten bereits um dreiviertel Zwei geweckt, oder besser gesagt, von der langen Dahindöserei in der stickigen und heißen Luft des Schlaflagers erlöst, und um zwei Uhr gab's ein großzügiges Frühstück. Mit dem spärlichen Licht der Stirnlampen war die Route durch die Blockfelder hinter der Hütte nicht leicht zu finden. Auf dem Gletscher vereinfachte sich die Orientierung wegen der fast durchgehend vorhandenen Trasse wesentlich. Das Erleben der Morgendämmerung und des Sonnenaufgangs während des Aufsteigens war beeindruckend. Die an den vorausgegangenen Tagen erzielte Höhenanpassung zahlte sich jetzt aus, und ohne Probleme gelangten unsere zwei Seilschaften in den „Sattel“, einer Einkerbung im Westgrat der Dufourspitze, in der der Monte-Rosa-Stock kulminiert. Über den anschließenden Grat mit steilen harten Firnschneiden, die sauberes Steigeisengehen erforderten, und einigen mäßig schwierigen, aber luftigen Felspassagen erreichten wir den höchsten Punkt der Schweiz auf 4.634 m. In den Alpen wird die Dufourspitze nur noch vom Montblanc überragt. Jeder suchte sich auf dem begrenzten Platz eine einigermaßen windgeschützte Stelle, um die gute Sicht auf das großartige Panorama der Walliser Alpen eine Weile auf sich einwirken zu lassen. Richtung Norden konnten wir im Dunst auch fernere Gipfel bis zum Berner Oberland ausmachen, während sich im Süden hinter der Signalkuppe gewaltige Quellwolken ballten.
Wir stiegen auf der Anstiegsroute wieder ab, und obwohl wir auf der Monte-Rosa-Hütte noch einmal kräftig jausneten, ließen sich die Anstrengungen nicht leugnen. Wir spürten alle die langen Touren in den Knochen. So nahmen wir für den Talabstieg von der Station Rotenboden nach Zermatt diesmal alle gern den Komfort der Gornergratbahn in Anspruch.