Klettersteige, wilde Gipfel und Steinwild

Fünf Tage in den Westlichen Julischen Alpen


Fünf Tage waren wir mit elf Teilnehmern in den Westlichen Julischen Alpen unterwegs. Diese gehören – entgegen der hierzulande weit verbreitenden Ansicht, dass die Julischen Alpen eine rein slowenisches Gebirge sind – zu Italien, genauer gesagt zur Region Friaul, in der noch die dem Ladinischen verwandte Furlanische Sprache verbreitet ist.

Die Berge der Westlichen Julischen haben mit ihren gewaltigen Felsbildungen dolomitisch anmutenden Charakter. Der Montasch steht mit 2.753 m an zweiter Stelle in der Höhenrangliste der ganzen Gebirgsgruppe und wird nur vom Triglav überragt. Ein grandioser Aussichtspunkt ist der mit Seilbahn von Wolfsbach (Valbruna) erreichbare 1.766 m hohe Luschariberg, auf dem eine bekannte Marienwallfahrtskirche steht. Zentraler Ausgangspunkt für Bergtouren ist das auf der Tauernautobahn leicht und relativ schnell erreichbare Städtchen Tarvis nahe des Länderdreiecks Österreich – Slowenien – Italien.

Über den Gipfel des Mangart (2.678 m) verläuft die italienisch-slowenische Grenze. Von slowenischer Seite führt eine asphaltierte Bergstraße zur Lahnscharte in gut 2.000 m Höhe hinauf, von der die Besteigung als Halbtagestour möglich ist. Wesentlich „fühlbarer“ werden Größe und Masse dieses Berges von den herrlich gelegenen Weißenfelser Seen (Laghi Fusine), also von auf der italienischen Nordseite, aus. Hier machen 1.700 Höhenmeter und längere Klettersteigpassagen die Tour zu einem tagesfüllenden Unternehmen.

Der Weg vom großen Parkplatz am oberen Weißenfelser See führt bald auf schmalem, aber zumeist unschwierigem Weg zur Nogara-Biwakhütte. Dort beginnt die „Via Italiana“. Dieser Klettersteig wurde erbaut, damit der Mangart von Italien aus ohne den umständlichen Umweg über Slowenien bestiegen werden kann. Der Klettersteig ist nur mittelschwer, doch ziemlich luftig. Dass unsere Schwindelfreiheit keiner allzu strengen Prüfung unterzogen wurde, war auf die herumziehenden Nebenschwaden zurückzuführen, die den Blick in die Tiefe – wie auch den in die Ferne – die meiste Zeit verstellten.

Nach Kreuzung des Normalwegs kletterten wir weiter auf dem technisch einfachen, aber durchaus interessanten slowenischen Klettersteig zum Gipfel. Die Sicht am Gipfel war noch sehr beschränkt. Das Wolkengebräu lichtete sich während des Abstiegs, und erst am späten Nachmittag bot sich von der Mangarthütte aus ein ungetrübter Panoramablick.

Am nächsten Tag erfolgte ein Szenenwechsel zum weiter westlich gelegenen Nevea-Sattel, der eingerahmt ist von den stolzen Gipfeln des Montasch, Wischberg und Kanin. Wir stiegen ab zu den Weißenfelser Seen, wo wir ein wenig am Uferweg promenierten und einen zweiten Kaffee tranken, machten in Tarvis Mittagspause, und fuhren dann zum relativ tief gelegenen Sattel hinauf. Am Nachmittag stiegen wir zur malerisch vor der Kulisse gewaltiger Felsberge gelegenen Corsi-Hütte auf.

Die Klettersteige der Julischen Alpen können in Punkto Schwierigkeit im Allgemeinen nicht mit den neueren Anlagen der Berchtesgadener Berge, wie etwa dem Pidinger, dem Hochthronsteig oder dem Königsjodler, mithalten. Sie entfalten ihren einzigartigen Reiz vielmehr durch die wilde Landschaft, durch spektakuläre Felsgebilde, durch spannenden Routenverlauf. Auch Eugen Hüsler, einer der besten Klettersteigkenner, hält deshalb den allenfalls mittelschweren „Anita Goitan“ für „die schönste gesicherte Route in den Julischen Alpen“.

Dieser Klettersteig führt von der Kaltwasserscharte zumeist auf Bändern, durch die Südabstürze des Wischbergs bis zur Mosesscharte, benannt nach einem schlanken, einer Person ähnelndem Felsturm. Die Schlüsselstelle, ein etwas abenteuerlicher Schluchtabstieg, könnte nordseitig umgangen werden. Den zwischenzeitlichen Abstecher auf den Wischberggipfel (2.666 m) haben wir natürlich nicht ausgelassen, obwohl auch dort die Aussicht zu wünschen übrig ließ. Der Tag hatte wolkenlos begonnen, aber das nahe Mittelmeer machte sich wie an allen fünf Tagen schon während des Vormittags mit starker Quellbewölkung bemerkbar, die sich am späteren Nachmittag wieder auflöste. Nicht zu übersehen waren die zahlreichen Stellungsreste aus dem ersten Weltkrieg, ein mahnendes Andenken an den damaligen Frontverlauf.

Für den Übergang zur Brazza-Hütte noch am gleichen Tag boten sich mehrere Varianten an. Die halbe Gruppe stieg von der Mosesscharte über die Corsi-Hütte ab zur Sella Nevea, und brachte die Autos hinauf zum großen Parkplatz der Pecolalmen, von dem die Hütte in einer halben Stunde zu erreichen ist. Die andere Hälfte bevorzugte den oberen „Weg“ über den auf längere Abschnitte gesicherten Ceria-Merlone-Steig und überschritt dabei mehrere Gipfel. Nach dem langen anstrengenden Tag konnten wir alle zusammen auf der kleinen gastlichen Brazza-Hütte unsere leeren Energiespeicher wieder auffüllen.

Steinwild – manchmal größere Kolonien, manchmal einzelne Exemplare – war auf der Gipfeltour zum Montasch beinahe auf Schritt und Tritt anzutreffen. Seine Kletterfertigkeit in steilstem Schrofengelände nötigt einem höchste Bewunderung ab. Vor allem die größten Böcke verharren bei der Annäherung von Menschen in stoischer Ruhe, und lassen sie bis auf wenige Meter an sich heran.

Den Gipfel bestiegen wir über Almmatten bis zur Forcella Disteis, wo wir die mit Abstand größte Steinbockherde antrafen, dann über einen verwinkelten Felsenweg Richtung Suringar-Biwak und zuletzt über den mit einigen leichten Kletterstellen gespickten „Findenegg-Weg“. Interessanteste Stelle im Abstieg war die legendäre, 70 m hohe „Pipan-Leiter“, deren Holme aus Drahtseilen bestehen. Anschließend bot sich als willkommene Fleißaufgabe noch die Begehung des Leva-Klettersteiges an.

Für den zweistündigen Aufstieg zur Gilberti-Hütte am späteren Nachmittag hätte mancher gerne den Komfort der Seilbahn von der Sella Nevea in Anspruch genommen – wenn sie denn gefahren wäre! Doch Mitte September ist die Saison dort vorbei, und die Bahn war nur noch an den Wochenenden in Betrieb. Die Umgebung der Gilberti-Hütte ist durch die Einrichtungen für den Pistenskilauf leider sehr verbaut. Beim Aufstieg zum Kanin (2.587 m) blieb deren Anblick aber rasch zurück.

Der Kaninstock ist ein gewaltiges, zum größeren Teil in Slowenigen gelegenes Karstgebirge mit einem langgestreckten Felskamm, und weist zahlreiche, teilweise gewaltige Dolinen auf. Vom italienischen Norden führt ein rassiger Klettersteig, der „Julische Weg“, durch die steile Gipfelwand. Bei grauem Himmel war der Zustieg zum Klettersteig duster, fast ein wenig unheimlich. Die gut gesicherte Kletterei selbst war sehr anregend und genussvoll. Nach der letzten Gipfelbrotzeit der Fünftagestour folgten wir zuerst dem Gipfelkamm in östlicher Richtung, und wanderten dann auf der Öde der slowenischen Seite des Hochplateaus bis zum „Okno“, einem markanten riesigen Felsfenster. Mit der Idylle war es jetzt vorbei. Immer wieder trafen wir auf Anlagen für den Pistenskilauf. Über die Prevala-Scharte gingen wir schließlich hinunter zur Sella Nevea, und gerade als die Rucksäcke in den Autos verstaut waren, ging ein heftiger Regenschauer nieder – der ersten Niederschlag nach fünf trockenen Bergtagen. Ein perfektes Timing, nicht?