Rund um die Sextener Sonnenuhr

Die Gipfel der „Sextener Sonnenuhr“ - das sind die Bergspitzen, die den Sextenern in Verbindung mit dem Sonnenstand seit jeher die Zeit zwischen neun und ein Uhr anzeigen - waren teils Besteigungsziel, teils malerische Kulisse unserer Viertagestour vom 15. bis 18. Juli 2004. Nach einer frühmorgendlichen Anfahrt über Zell am See, Felbertauern, Lienz, Innichen und den Kreuzbergpass startete unsere vierzehnköpfige Gruppe am Parkplatz neben der Lunelli-Hütte. Bereits nach einer knappen Stunde gelangten wir zur Berti-Hütte, wo wir einen Teil unseres Gepäcks deponierten. Mit erleichterten Rucksäcken wanderten wir durch das zwischen Neuner und Zehner auf der einen und dem Elfermassiv auf der anderen Seite eingebettete öde Val Popera in Richtung Sentinella-Scharte hinauf. Kurz vor der Passhöhe kennzeichnet eine rote Schrift auf einem Felsblock den Zustieg zum Zandonella-Klettersteig. Wir legten Klettergurt, Klettersteig-Sicherungsgerät und Steinschlaghelm an und folgten den fast senkrecht in die Höhe leitenden Drahtseilen. Bei den Resten einer Stellung aus dem ersten Weltkrieg waren die größten Kletterschwierigkeiten zwar bewältigt, aber auf den folgenden Bändern hatte sich trotz der sommerlichen Jahreszeit stellenweise noch ziemlich viel Schnee gehalten, der einige Spurarbeit erforderte, bis wir schließlich das Gipfelkreuz der Sextener Rotwand (des Zehners der Sonnenuhr) erreichten. Wegen des reichlichen spurenlosen Schnees im Südostkar zogen wir es vor, auf der Aufstiegsroute wieder abzusteigen.

Nach der Übernachtung auf der Berti-Hütte standen der Roghel- und der Cengia-Gebriella-Klettersteig auf dem Programm, die in spektakulärer Routenführung durch wilde und einsame, landschaftlich atemberaubende Fels-Szenerien das Elfer-Massiv südseitig umrunden. Mit seinem erstaunlich festen Fels, der abwechslungsreichen Linienführung und dem alpinen Ambiente ist der Roghel-Steig sicher eine der eindrucksvollsten Klettersteiganlagen der gesamten Dolomiten. Durch eine vorherige „Trainingstour“ auf dem Pidinger Klettersteig zum Hochstaufen hatten sich die weniger erfahrenen Teilnehmer auf diese Tour vorbereitet, so dass sich alle den Anforderungen gewachsen zeigten. Der zweite Abschnitt über die Cengia Gabriella war technisch etwas einfacher, aber kaum weniger genussreich. Donnergrollen, das von den Felswänden widerhallte, beschleunigte auf der letzten Stunde unseren bis dahin eher gemächlichen Gang. Auf der Garducci-Hütte war das Klettersteig-Abenteuer zu Ende, und wir legten eine Kaffeepause ein. Der ausgefüllte Tag endete aber erst nach einer weiteren knappen Gehstunde über einen guten Wanderweg auf der Zsigmondy-Hütte.

Der dritte Tag begann wieder strahlend schön, und der kühne Zwölfer reckte sein Haupt in den wolkenlosen Himmel. So wurden zuerst einmal die Fotoapparate bemüht, und wer kein Weitwinkel-Objektiv hatte, tat sich schwer, den ungeheuer hoch und dominant vor der Hütte aufragenden Felskoloss „in den Kasten“ zu bekommen. Dann brachen wir auf zur Besteigung der Hochbrunnerschneid. Durch das noch schneeerfüllte breite Kar des „Inneren Lochs“, in dem man noch gut und gerne mit Skiern hätte abfahren können, und einen nicht all zu schwierigen Felsgrat erklommen wir diese 3.045 Meter hohe aussichtsreiche Warte. Besonders schön zeigten sich der benachbarte Elfer, der am schwersten zugängliche Dreitausender der Sextener Dolomiten, sowie Zwölfer, Drei Zinnen, Dreischusterspitze und viele berühmte Gebirgsmassive der östlichen Dolomiten. Nach der Abfahrt auf den Schuhsohlen durchs Schneekar folgten wir noch ein Stück dem berühmten Alpiniweg, um das fast obligatorische Schattenriss-Foto zu schießen. Auf dem Rückweg zur Zsigmondyhütte ließen sich einige noch nicht ausgelastete Teilnehmer den freilich nicht all zu langen Abstecher zum Hochleist nicht nehmen.

Mit einer an landschaftlichen Höhepunkten reichen, aber einfachen Wanderung rundeten wir die Dolomitentage ab. Zuerst wanderten wir über die kleine Büllelejoch-Hütte hinauf zur Oberbachernspitze, dann unter dem türmereichen Grat des Paternkofels hinüber zur Dreizinnenhütte. Unbeschwert spielende Murmeltiere und vielfältige Blumen in allen Farben säumten die Wege. In den scheinbar so lebensfeindlichen Schuttkaren blühte leuchtend gelb der Alpenmohn. Und dann der Blick auf die Schauseite der Drei Zinnen - die Mehrzahl der Teilnehmer erlebte ihn zum ersten Mal! Auch die zwischenzeitlich wieder aufgezogenen Quellwolken, die das Dreigestirn zeitweise verhüllten, konnten die Großartigkeit des Panoramas nicht schmälern. Durch das Altensteiner Tal stiegen wir schließlich zum Fischleinboden hinab, flankiert von der gewaltigen Nordwand des Einsers, des letzten Gipfels der Sonnenuhr.